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Rezension:

Mathias Énard »Straße der Diebe«, Hanser Verlag
übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller

Diebe CoverEin Freund von mir sagt gerne »Gute Romane gehen den Weg von LPs wie Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz«, dem Album von Westernhagen, das sich nicht sofort in großen Zahlen verkaufte, sondern durch persönliche Empfehlungen seinen Weg zum Erfolg fand.

Bei »Straße der Diebe« hoffe ich auf einen ähnlichen Effekt. Ich bekam das Buch von dem Dichter José F. A. Oliver, und er erzählte mir, er hätte es von der Künstlerin Rebecca Horn erhalten. Und dieser Roman verdient das Weitererzählen, es ist ein Roman voller Leben und literarischer Kraft, der sämtliche Genreketten sprengt, wodurch er der Geschichte jene Freiheit atmen lässt, die seine gebeutelte Hauptfigur, der junge Marokkaner Lakhdar, so sehr sucht.

In dessen Zerrissenheit finden sich Millionen Menschen wieder, die ebenfalls ihren Weg durch Tradition und Moderne, Religion und Weltlichkeit, Armut und Mittelstand und Liebe und Bequemlichkeit finden müssen. Bei Lakhdar ist es ein mutiger Spagat zwischen Casanova und Koran.

Erfrischend wohltuend ist die bewusste Genreverneinung inmitten des literarischen Schubladendenkens – gerade daraus säugt sich die Lebendigkeit dieser Geschichte. Es ist ein Drama, eine Liebesgeschichte, ein Krimi, ein Abenteuer gewürzt mit der richtigen Prise Witz, Wissen und Weisheit aus der Sicht des Kriminalroman-Fans Lakhdar.

Dem Autor Mathias Énard gelingt die glaubhaft realistische Darstellung einer möglichen nordafrikanischen Biografie: Lakhdars Familienproblemen in Tanger, seiner Liebe, seinen Wünschen, seiner Freunde und ihren Träumen von einem Leben in Europa, wo es ihn letztendlich auch hin verschlägt, nämlich nach Barcelona. Dabei ist der Autor mit einer außerordentlichen Beobachtungsgabe ausgestattet und einer psychologischen Feinfühligkeit, die seinem Protagonisten eigene und mutige Schlüsse ziehen lässt. Ein charakterliches Bravourstück, informativ und sprachlich versiert erzählt, ohne den Dreck unter den Fingernägeln der Menschen und der Gesellschaft zu verschweigen.

Ein anderer Autor hätte aus diesem Roman drei verschiedene gestrickt – nicht von der Menge der Seiten, sondern vom Inhalt, seiner kleinen und großen Geschichten und unvergesslichen Bildern, von denen ich keines hier verraten, nicht mal andeuten möchte, denn keine Beschreibung würde an das von Holger Fock und Sabine Müller hervorragend übersetzte Original heranreichen.

Ich wünschte nur, mich würde bei der Lektüre nicht der Gedanke beschleichen, dass man mal auf diesen Roman zurückschauen könnte und sagen müsste, »Ja, so hat wohl alles angefangen.«

Aber Visionen gehören zur lebendigen Literatur.

Und ich werde nun dieses Buch meinem Freund vorschlagen, der an den Pfefferminzeffekt glaubt.

Hybrid Autor – Zahlen und Fakten

Das nichtabgedruckte Interview mit einer großen Wochenzeitschrift – aktualisiert

Wieviele Exemplare Ihrer eBooks konnten Sie bis jetzt verkaufen?

Mein Roman „Die Lokomotive“ wurde über 400 mal gekauft. Das klingt erstmal nicht viel, aber vergleichbare Romane aus Verlagshäusern, die 400 eBooks verkaufen, gehen 20.000 mal als Bücher über die Ladentheke. Und diese Titel haben einen großen Verlag und Werbung/PR im Rücken.

Fast 200 mal wurde der durch ein Literaturstipendium des Landes NRW ermöglichte Roman „School-Shooter“ heruntergeladen, und er war viele Wochen auf Platz eins seiner Amazon Charts. Die Hörspielfassung des Romans, ebenfalls geschrieben von mir und gefördert durch die Filmstiftung NRW, wurde 2012 im WDR erstausgestrahlt.

Hinzu kommen noch 100 verkaufte eBooks des Romans „Flirren“ und des Sachbuchs „Helden – wie Jugendliche Romane schreiben können“.
Insgesamt also 700 heruntergeladen Exemplare.

Sie haben sich für ein Mischmodell aus traditionellem Verlag und selbst publizierten eBooks entschieden. Wie kam es dazu?

Ich habe schon in den neunziger Jahren zwei Bücher von mir drucken lassen und selbst veröffentlicht. Das Erste verkaufte sich 400 mal in einem halben Jahr, nur auf Lesungen. Das war meine komplette Auflage, die ich übrigens im osteuropäischen Ausland hatte drucken lassen, ohne Rechnung, weil ich es mir anders nicht hätte leisten können. Diese musste also über die Grenze geschmuggelt werden, wobei ich erwischt wurde. Der nette Zöllner war aber wohl literaturinteressiert und winkte mich ohne Strafe durch. (ganze Geschichte weiter unten in diesem Blog!)

Selbstveröffentlichen ist also nichts Neues für mich. Neu ist, dass man durch eBooks keine Kleinauflage für teures Geld drucken lassen muss, die dann kein Buchladen auslegt, weil man keinen Vertrieb hat. Ganz abgesehen von anderen Risiken wie Freiheitsverlust …

Das ist jetzt anders: einfach Hochladen und der Vertrieb ist da. Dabei arbeite ich gerne mit Epubli zusammen und Neobooks.

Als unverlegter Schriftsteller habe ich gejobbt, um immer den Roman schreiben zu können, den ich zum jeweiligen Zeitpunkt schreiben musste. Das habe ich in den letzten Jahren, seit ich hauptberuflicher Autor bin, nicht anders gehalten. Ich schreibe den aus meiner Sicht wichtigsten Roman von Anfang bis Ende.

So schreibe ich etwa zwei Romane im Jahr. Die Geschichten, die nicht in das Verlagsprogramm passen, veröffentliche ich selber über Epubli oder Neobooks.

Funktioniert das Mischmodell für Sie? Also, anders gefragt: Sind Sie zufrieden damit?

Ja, absolut. In jeder Hinsicht. Es kommt ja auf die Erwartungshaltung an. Ich kann nicht erwarten, mehr eBooks zu verkaufen als wie ein Toptitel aus einem guten Verlag (siehe oben, 20.000 Buchexemplare gelten als recht guter Titel). Auch bin ich Schriftsteller und kein Blogger, der 24 Stunden online ist und so ein großes Publikum anspricht.

Ich glaube, dass jeder auf Basis der ersten Seiten einer Leseprobe erkennen kann, ob die Geschichte und der Stil einem gefällt. Ich lese jede Buch an, bevor ich es kaufe. Die Perlen sind rar, unter selbstverlegten wie auch unter verlegten Romanen.

Ich habe auf ihrer Website die Kurzfassung der Leidensgeschichte von School Shooter gelesen. Bieten Sie trotzdem ihre Manuskripte/Ideen zuerst traditionellen Verlagen an? (Oder läuft das bei Ihnen über eine Agentur?)

Ja, ich biete einigen Verlagen meine Romane an. Wenn sie abgelehnt werden, muss ich das sportlich sehen und veröffentliche sie selber. Dieses Jahr bin ich zum ersten Mal in der glücklichen Position, zwei Romane geschrieben zu haben, die 2015 im Rowohlt Verlag und im Mixtvision Verlag erscheinen werden.

Manchmal denke ich, ich hätte gerne eine Agentur, dann hätte ich die Arbeit nicht. Für meine Erwachsenenromane wurde mir von einer Agentur gesagt, ich bräuchte die nächsten drei Jahre keinen Roman mehr anbieten, weil innerhalb eines Jahres zwei Erwachsenenromane abgelehnt wurden. Eine andere Agentur sagte mir, ein damaliger, unverlegter Jugendroman wäre zu jungsmäßig, deswegen nahm diese Abstand von einer Vertretung, weil Jungs zu wenig lesen.
Was soll ich davon halten?
Soll ich jetzt aufhören, Erwachsenenromane zu schreiben oder Jugendromane für Jungs? Ich schreibe immer die beste Idee.

An dieser Stelle zitiere ich gerne einen Freund, der mir mal sagte, „Was glaubst du, wie viele Verlage sich folgende Idee reißen würden: Ein alter Mann rudert hinaus aufs offene Meer, fängt einen großen Fisch und verliert ihn auf dem Rückweg“.
Mit anderen Worten, ich glaube nicht, dass große Geschichten durch Ideenpitching entstehen. Es wäre aber auch falsch zu sagen, dass sich meine Romane nicht als Idee pitchen ließen.

Beispiel: der Roman „Die Lokomotive“: Ein Aktienbroker und ein Rentner wachen unter den Trümmern eines Zuges auf. Entgleist ist der Zug auf dem Hindenburgdamm zwischen Sylt und dem Festland. Die beiden liegen auf dem Boden, und die Flut kommt …

Wie stellen Sie, als Selbstvermarkter, Ihre selbst publizierten eBooks einem breiten Publikum vor?

Einem breiten Publikum kann ich sie nicht vorstellen, weil ich keine Werbung kaufen kann. Ein kleines Publikum versuche ich dadurch zu erreichen, dass ich drei oder vier Literaturblogger, die sich für das jeweilige Genre interessieren, anspreche, ob sie ein Rezensionsexemplar möchten. Desweiteren hoffe ich auf Mund zu Mund Propaganda und die Offenheit der LeserInnen. Westernhagens Album „Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz“ war auch ein langsamer Starter.

Was haben Sie davon erwartet, als Sie Ihr erstes Buch selbst publiziert haben? Haben sich die Erwartungen erfüllt?

Damals, mit der ersten verkauften Auflage in einem halben Jahr, wie auch heute, mit den 400 verkauften Exemplaren von „Die Lokomotive“, sind meine Erwartungen erfüllt worden, gerade auch, wenn ich den obigen Vergleich zum gedruckten Buches ziehe. Finanziell mages  sich nicht rentiert haben, aber meine Geschichten wurden und werden gelesen. Deswegen schreibe ich.

Was würden Sie anderen Autoren raten, die Ihr Buch als eBook selbst veröffentlichen?

Sie sollten es nicht des Geldes wegen tun. Aber man sollte auch nicht des Geldes wegen anfangen, Romane szu chreiben. Da gibt es lukrativere Betätigungsfelder.

 

Alles falsch gemacht beim Lesen?

Da ich den FAZ Artikel “Die Angst der Eltern vor dem Seelengift” von Tilman Spreckelsen dort nicht online kommentieren konnte (weder mit Firefox noch mit Android), poste ich hier kurz meine Gedanken dazu – den WELT Artikel “Wir haben da ein Problem für dich” von Christine Knödler betrifft dieser Blogbeitrag auch:

Heute zu diskutieren, ob Kinder und Jugendliche gewisse Dinge NICHT LESEN sollten, ist so, als würde man ihnen kurz vor dem Verdursten die Limonade verbieten, weil der Zucker nicht gut für die Zähne ist.

Mein persönliches, großes Glück war, ALLES LESEN zu dürfen!

Kurzabriss:
wenig Kinderbücher, aber jahrelang ca. 1000 Comics Bilder geguckt (Kinder,Jugend,Erw.), dazu hatte ich viel Zeit, denn ich hatte mich geweigert, in den Kindergarten zu gehen, womit ich sogar durchkam; dann in der Grundschule lesen gelernt, also die Comics alle nochmal gelesen; ab der 4. Klasse: Groschenromane (Krieg,Trucker,Horror); 7. Klasse sämtliche Stephen King, danach in der 8. Klasse “Der Pate” … wow … danach nur noch Erwachsenenliteratur…

Jugendromane habe ich dann erst spät als Erwachsener gelesen …

Alles falsch gemacht?

Beispiel: Die Groschenromane über den 2.Weltkrieg (sicherlich keine Literatur) haben mich insofern fürs Leben gewappnet, dass ich später Zivildienst gemacht habe, weil mir klar war, dass ich nicht jedem Befehl folgen wollte und als junger Erwachsener auch nicht mehr Krieg spielen wollte, weil ich mir mögliche Konsequenzen blendend vorstellen konnte.

Nicht zuletzt ist (oder es sollte zumindest so sein) Literatur im Allgemeinen auch ein Spiegel gesellschaftlicher Zustände. Und wenn Erwachsene in Vorbildrollen sich weniger durch soziales Verhalten als durch rücksichtslose Gier, Selbstsucht und Gewalt auszeichnen, dann kommt das so auch bei Jugendlichen an. Ist es Zufall, dass gerade mal wieder Godzilla im Kino läuft?

Comics und Romane sind in mein Leben gekracht wie atemraubende Kanonenschläge, die in der Sylvesternacht direkt neben einem explodieren – das passiert, wenn man sie im richtigen Moment im Leben liest.

Das sind unvergessliche Lesemomente!

Jedes verdammte Wort

oder warum die dt. Jugendliteratur gegenüber der Gegenwartsliteratur die Nase vorne hat.

In die allgemeine Diskussion um den Zustand deutscher Gegenwartsliteratur möchte ich einmal mit der Jugendliteratur dazwischengrätschen. Eine unerwartete Einmischung in die von Florian Kessler in (DIE ZEIT) neulich angefachte Diskussion mit den Folgeartikeln von Enno Stahl (taz) und Marc Reichwein (Die Welt).

Wem die deutsche Literatur nicht reizvolles mehr zu bieten hat, der sollte einmal in die Jugendliteratur hineinschnuppern.
In den letzten Jahrzehnten hat sich dort eine Experimentiertkultur etabliert, die immer wieder auch über das eigentliche Genre hinaus nationale und internationale Erfolge gebiert. Denn mit bravkonformer Jugendliteratur lassen sich höchstens Geschenkartikel für Oma und Opa verfassen, aber keine Romane, die von Jugendlichen tatsächlich gelesen werden – welche sich durchaus für die Realität aus Arbeitswelt und Alltag interessieren!

Am Puls der Zeit, das Herz offen und die Fantasie noch nicht verkümmert wartet dort ein neugieriges Publikum darauf, überrascht zu werden. Das wissen auch die Verlage und Agenturen und können, ja, müssen mehr riskieren, um der hohen Erwartungshaltung Rechnung zu tragen.

Kein junger Mensch kauft ein Buch, um es als Kulturposer ins Regal zu stellen, und sie klatschen bei Lesungen nicht aus Höflichkeit. Kurzum, sie sind noch nicht gesellschaftsintellektuell vorkorrumpiert. Sie sind voller Leidenschaft, und so müssen auch die Bücher geschrieben sein. Wenn ich mich recht entsinne, fiel das Wort Leidenschaft bisher in keinem Artikel…

Diese Entwicklung ist der Jugendliteraturbetrieb mitgegangen, und herausgekommen sind in schöner Regelmäßigkeit gewagte Romane mit dem »Mit Pfefferminz bin ich dein Prinz«-Effekt (eine Schallplatte aus dem letzten Jahrhundert, die über Mund zu Mund Propaganda erfolgreich wurde).

Das Riff, auf dem die Gegenwartsliteratur zerschellt, ist die Unterscheidung in U und E Literatur (Unterhaltungsliteratur / Ernste Literatur). Ein zumindest anzuzweifelndes Konzept, bei dem sich sämtliche Beteiligten mit der daraus resultierenden bequemen Literaturgemütlichkeit arrangieren müssen – ein internationales Einzelphänomen, das in den letzten 50-60 Jahren das erzählerische Potenzial in der deutschen Sprache alles andere als ausgeschöpft hat.
Ein guter Roman hat für mich eine gute Geschichte und eine gute Erzählstimme. Alles andere ist Hurz.

So werden die Bücher geschrieben, die man machen kann, weil man sie verkaufen kann, aber keine Geschichten, die erzählt werden müssen, geschrieben und verlegt werden müssen, weil sie gelesen werden müssen.
Ein selbstverständlich nicht nur auf das Medium des Buches erkennbarer Modus Operandi im Lande der ehemaligen kulturellen Vorreiter in vielen Bereichen. Ein Faktum, das im Ausland wahrgenommen und mit Kopfkratzen goutiert wird.

Und solange sich das nicht ändert, werden in schöner Regelmäßigkeit Artikel wie von Florian Kessler, Enno Stahl und Marc Reichwein erscheinen – solange es U und E gibt, und mutiges Experimentieren und neue Wege gehen, als Underground oder simples Scheitern angesehen werden und nicht als visionäre Geisteshaltung voller Chancen.

Sind dies hier die Zeilen eines verbitterten Selbstverlegers? Nein, ganz im Gegenteil, ich bin verlegt (Rowohlt Verlag, Satyr Verlag) und auch selbstverlegt (Neobooks, Epubli).
Und weil eines überall diskutiert wurde: Ich stamme aus einem Arbeiterhaushalt, und vor 20 Jahren habe ich mich gegen das Studieren und für das Nowhere-Jobben entschieden, um mir das Schreiben zu ermöglichen, um eben jene Geschichten zu erzählen, die ich erzählen muss.

Seit 5 Jahren können wir von meinen Einnahmen als Geschichtenerzähler leben. Das heißt, ich habe 15 Jahre dafür gejobbt (das bedeutet lebenslänglich in anderen Bereichen).
War es das wert?
Ja, jedes verdammte Wort.

Smashwords pre-order UND Amazon KDP Select zur gleichen Zeit möglich!

Smashwords bietet die Möglichkeit, sein eBook zu listen mit dem 1. Verkaufstag in der Zukunft, so dass es VORBESTELLT werden kann.

Warum macht das Sinn?

– bekommt man einige Vorbestellungen, platziert sich das ebook am 1. Verkaufstag höher in den jeweligen Charts (Sichtbarkeit)
– ist man ebenfalls bei KDP Select (90 tage NUR kindle) dann kann man sein buch bei SW schon LISTEN als pre-order (was bisher als nicht erlaubt galt)

ich habe beide Firmen angeschrieben, und sie haben mir das okay gegeben – (wenn man bei KDP select ist, DARF man nirgendwo anders das ebook verkaufen – aber eine pre-order ist kein Verkauf, argumentierte ich)

einzig zu beachten: nur 10% Leseprobe bei SW (darf nicht mehr sein als bei KDP)

Ergebnis ist hier zu sehen:
“THE LOCOMOTIVE” bei Smashwords
“THE LOCOMOTIVE” bei KDP

Info Artikel auf Englisch einfach Maple Leaf (Kanadische Fahne) oben rechts klicken.

Offener Brief an Raubkopierer, Piraten, Leser und Leserinnen

Als ich meine selbstveröffentlichten Romane in meinen Augen für sozialverträgliche 2,99 € als eBook anbot, hätte ich mir nicht geträumt, dass sie es wert sein könnten, raubkopiert (ich bleibe bei dem Begriff, weil er am geläufigsten ist) zu werden.
Nun ist es doch passiert.
Ich wusste von vornherein, ich würde nicht viel Geld damit verdienen, aber nun eben prozentual deutlich weniger.

Meine Einstellung:
Vor 25 Jahren habe ich schon gesagt »Wenn mir einer lebenslang inflationsangepasst 1400 DM (heute kaufkraftmäßig das gleiche in Euro) jeden Monat gibt, kann er dafür alle Rechte an alle meine Romane für immer haben – Hauptsache, ich kann in Ruhe meine Geschichten schreiben.«
Man könnte das auch bedingungsloses Grundeinkommen nennen. Dann würde es mich nicht kratzen, wenn ich kein Geld mit meinen Romanen verdienen würde. Meine Existenz wäre respektvoll gesichert.
Leider haben wir noch kein bedingungsloses Grundeinkommen, ich muss also für meine Arbeit bezahlt werden, damit ich die anderen bezahlen kann.

Raubkopieren: Warum? Für wen?
Was ist der Antrieb dazu? Gesellschaftlich oder monetär?
1. Ihr macht das für diejenigen, die sich einen Computer oder einen eReader leisten können aber kein eBook für 2,99 €
2. Ihr seid gegen die Verlage und die überteuerte Preispolitik im eBookbereich? (ob Letzteres so ist, sei einmal dahingestellt)
3. Lesen soll umsonst sein
4. Alles soll umsonst sein
5. Ihr macht es, um mit den Spenden für eure Plattform Geld zu verdienen
6. DRM Befreiung, damit alle Leute ihre eBooks auf allen Geräten lesen können, ggf. das Layout ändern etc.

Bei Punkt 1 und 2 greift wohl kein Preis von 2,99 € für einen Roman. Punkt 3 macht nicht viel Sinn alleine, also Punkt 4.
Wunderbar – da wäre ich sofort dabei, wenn alle gleichzeitig mitmachen. Ein sozialutopisches Experiment würdig des Versuchs!
Es machen aber nicht alle mit. Nicht unser Kinderzahnarzt, nicht unsere lokale Buchhandlung, wo ich das Bilderbuch für unseren Jüngsten gekauft habe.
Eigentlich macht keiner mit.
Ihr macht es nur mit Autoren – ob sie wollen oder nicht.
Der Punkt 5 steht noch gut da. Obwohl Ihr selber sagt, dass nicht alle spenden, sogar die wenigsten. Okay. Glaub ich euch. Aber immerhin, ihr bekommt gespendet – für fremde Inhalte.
Wegen Punkt 6? Dann stellt doch ins Netz, wie man das macht und gut. Ein toller Service, für den ihr viele Spenden bekommt – aber stellt nicht einen kompletten Roman ins Netz, den ihr nicht geschrieben habt. Meinetwegen gebt die gecrackte Version eurer Familie weiter oder euren Freunden (so wie Bücher). Auch das wäre okay.

Und dann müsste ich davon ausgehen, dass, wenn ich einen DRM-freien Roman als eBook für 2,99 € in Netz stelle, der nirgendwo kostenlos angeboten wird, richtig?

So muss ich glauben, dass ihr die Plattform habt, um Geld damit zu machen und euch zu etablieren.
Es ist ja auch nicht so, dass ihr aus eurer Sicht lediglich gesellschaftlich relevante aber überteuerte eBooks crackt, um allen Menschen diese zugängig zu machen, sondern nur Titel, die in den Top 100 auftauchen.

Ich habe auch gelesen, man crackt Codes und stellt die eBooks kostenlos ins Netz, weil das geht, die Technik da ist und weil man das machen kann.
Ich hätte das mit Musik machen können, mit MP3s, habe ich aber nie.

Nur weil man etwas machen kann, muss man das nicht tun. Ich könnte viele Dinge tun, weil ich sie tun könnte – aber ich kann mich zurückhalten – weil sie illegal und/oder legal, aber aus meiner Sicht unmoralisch.
Nein, man muss nicht alles tun, was möglich ist.

Spenden ist das, was Ihr den Autoren als Lösung vorschlagt.
Wir sollen einen Flattr Button und Paypal Button bauen, dann könnte man uns auch spenden.
Fand ich super die Idee. Deswegen habe ich das auch schon vor einiger Zeit ausprobiert. Weil ich auch daran glaubte.
Ein Fehlglaube. 2 € in einem halben Jahr – und das war für meine Songs.
Mit der Demut des dauerhaften Misserfolgs löschte ich den Flattr Button wieder.

Ich bin überzeugt, dass Spenden für eine Plattform, die regelmäßig besucht wird, viel Traffic hat (generiert durch fremden Content), durchaus funktionieren könnte.
Ein Buch lädt man sich herunter, liest es in 3 Tagen oder Wochen, aber dann geht man nicht mehr ins Netz zum Buch oder zum Autoren … sondern wieder auf die Plattform und saugt sich das nächste – zumindest die meisten, oder?
Das machen die vielleicht über ein halbes Jahr, dann fühlen sie sich schon ein bisschen mies, so ganz ohne Spende, alles gratis, und dann ist es 11 Uhr abends nach zwei Gläschen Wein und dann spenden sie – aber wem?: dem Portal. Für den tollen Service, ist ja auch klar!

In einem Fall steht es auch in den FAQs, wie viel monatlich okay wäre zu spenden: 10 €. Also regelmäßige Spenden.
Du fragst nach einer Spende für dich, weil du meine/fremde Inhalte anbietest.
Mir hast Du auch nicht gespendet. Wenn Du mir spenden magst: Hier lang geht‘s zu meinem Paypal Button, da kannst du dir gerne auch noch kostenlos meine Songs downloaden, über Buy now (name your price).

Raubkopierer, womit verdient ihr euer Geld?
1. Ihr schafft noch eine andere Arbeit (Programmierer, Klempner etc.), für die ihr bezahlt werdet oder Spenden bekommt
2. von Transferzahlungen
3. Verwandte
4. von den Spenden für die Plattform, auf den ihr unter anderem meine Bücher kostenlos anbietet
5. oder ihr seid Trustafarians (Menschen, die reich geerbt haben und so tun und aussehen, als hätten sie nix – PS: der Begriff ist nicht von mir)

Irgendwas muss es sein, ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass ihr eure Computer, den Serverplatz, Essen und Trinken nicht gespendet bekommt.

Irgendwo habe ich gelesen, das jemand zur Arbeit geht. Das bedeutet, er hat immer noch so viel Freizeit, Codes zu knacken, eBooks hochzuladen, einen Blog zu pflegen etc., wenn er es nicht hauptberuflich tut.
Diese Zeit habe ich neben meinem Beruf nicht. Ich habe Familie.

Das blendet in den Euren Vorschlag hinein, froh zu sein, auf eurer Plattform so viel Werbung für mich zu haben und die Möglichkeit, dass Leser und Autor in Kontakt so miteinander treten können.

Nun, das tue ich seit Jahren: Lesungen, Facebook, Twitter, Email (früher Briefe) … da brauche ich keine weitere Plattform zu.
Vor allem: Ich arbeite 8 Stunden am Tag, 7 schreibe ich, 0,5 Stunde hat mit Emails zu tun, 0,5 mit Social Media. Und danach? Habe ich meine Liebe, meine Kinder und meine 89-jährige Großmutter.
Ich habe nicht mehr Zeit für Social Media.

Und wenn ihr Werbung für Bücher machen wollt, dann stellt die gecrackten Leseproben kostenlos ins Netz (20-40 Seiten). Ich wäre dankbar darum!
Damit könntet ihr wegen mir auch Geld verdienen!
Das ist ein Service für LeserInnen und AutorInnen.

Ihr seht schon, mir geht es hier um nichts Juristisches, nur der gesunde Menschenverstand und gesellschaftliche Fairness interessieren mich.
Wenn ich als Mensch und Alleinverdiener scheitere, dann möchte ich das selber verschulden oder verantworten und nicht, weil meine Romane kostenlos angeboten werden.

Wenn ich das für nötig oder richtig halte, tue ich das ja selber – wie bei meinen Songs wegen der Aufnahmequalität oder aus PR-Maßnahme, wenn ich einen neuen Roman für drei Tage kostenlos anbiete – dann sag ich sogar stets meinen Lesern, die mir auf Facebook oder Twitter folgen, bescheid.
Aber bitte: Zeitpunkt, Zeitraum und Titel sind meine Entscheidung.

Bushido, Statistiken und das Gesetz
Irgendwo hatte ich gelesen, dass die Autoren Dich für Bushido halten würden. Das würde ich nicht. Der macht eigene Sachen. Der singt nicht Geoff Berner nach, ohne ihm Royalties zu bezahlen.

Eine Statistik sagt, ihr habt durch die Diskussion um dieses Thema nicht mehr Klicks. Gut, ich habe, seit mein Roman bei euch gelistet ist, 75% weniger Einnahmen. Bei 0 Euro Spenden.

Und ich würde nicht damit prahlen, dass einem das Gesetz nichts anhaben kann.
Ich sage einfach mal, vielleicht will es euch nichts anhaben.
Es glaubt doch nicht wirklich jemand, die könnten nicht, wenn sie nicht wollten, oder?

Als Geschichtenerzähler frage ich immer nach der Motivation, etwas zu tun oder zu lassen. Es war schon immer das Interesse der Politik, die Intellektuellen schwach zu halten. Am einfachsten geht das, wenn man ihnen ihren Lebensunterhalt entzieht – oder noch besser: es andere Helfer tun lässt.
Shakespearesque.

Was müsste den Raubkopierern passieren, damit sie den Effekt spüren, den ich spüre?
Ich müsste ihnen alle drei Monate den Computer rauben und ihn gegen eine Spende weiterreichen.
Das tue ich natürlich nicht, weil ich Kinder habe.
Also…

Was könnte ich versuchen?
Einstweilen werde ich keine neuen Titel als einigermaßen hochwertiges eBook online stellen, sondern vielleicht nur einfach lesbare eBooks selber kostenlos ins Netz stellen – vielleicht eine 2. Fassung eines Romans (ist literaturgeschichtlich auch nicht uninteressant für die Leser) mit dem Verweis, dass es ein Buch gibt.
Das müsste ich dann bei CreateSpace Amazon machen, weil ich einen kurzen Roman nur dort für 5,99 € Print on Demand anbieten kann.
Das findet ihr nicht toll?
Dann verlegt meine eBooks, Bücher, bezahlt mich oder bietet sie wenigstens nicht kostenlos an, damit sie gekauft werden können.

Ja, ja, ja, ich weiß, ein Raubkopierer kann ein Buch einscannen, als eBook formatieren usw…
Aber das wäre eine Möglichkeit. Natürlich würden weitaus weniger Menschen 5,99 für ein selbstveröffentlichtes Buch ausgeben als 2,99 für ein eBook.
Stimmt. Wo ein Wille ist, jemanden zu schädigen, ist ein Weg.

Negative Auswirkungen von Raubkopien für LeserInnen:
Was mir übrigens am wenigsten daran gefällt, ist die Tatsache, dass meine vernünftigen eBooks eben für 2,99 € deutlich günstiger wären als das gedruckte Buch. Und die gibt es auch keine 3 Tage kostenlos.
Also eigentlich keine sehr soziale Richtung, in die ich so durch Raubkopien getrieben werde.
Schade eigentlich. Ich hatte da eine andere Hoffnung für unabhängige Autorinnen und Leserinnen beim Aufkommen der eBooks.

Negative Auswirkungen von Raubkopien für Romane:
Sollte sich das Raubkopieren in dieser Form fortsetzen, wird die Qualität der Romane sinken.
Warum?
Bisher habe ich (und andere AutorInnen sicherlich auch) immer die Geschichte geschrieben, die ich schreiben musste, die zu jenem Zeitpunkt am relevantesten war – in meinem Fall übrigens, ohne dafür vorher oder währenddessen bezahlt zu werden, einfach, weil es sein musste und weil ich daran glaubte – auch daran, dass sie – wenn sie nicht im Verlag veröffentlicht würden – auf lange Sicht ihre Leser und Leserinnen finden.

Zwei von drei Romane veröffentliche ich selbst und kalkuliere auch diesen kleinen Betrag in unsere Finanzen ein. Das kann ich so jetzt nicht mehr.

Wenn sich das fortsetzt, würde das bedeuten, ich (und andere AutorInnen) müsste nur für Verleger, Lektoren, Vertriebsmanager und Agenten schreiben, das, was sie sich eventuell wünschen, damit ich wenigstens die Chance auf einen Vorschuss habe, denn auf lange Sicht, mit eBooks wenigstens etwas Geld zu verdienen, ist nicht möglich.
Also schreibe ich lustige NaziVampirPorno-Romancen.
Literatur auf Privatfernsehniveau.

Ich muss, um diejenigen zu bezahlen, die irrsinnigerweise keine Spende von mir akzeptieren (Supermarkt, Öffentlicher Nahverkehr…) also irgendetwas schreiben. Nicht das, was ich inhaltlich muss, sondern irgendwas Verkaufbares.

Aber das bin ich nicht. Deswegen habe ich 15 Jahre gejobbt (Kellner, Pizzataxifahrer…), um mir die Zeit zum Schreiben von Geschichten zu ermöglichen, die ich für besonders halte, gesellschaftlich wichtig und unterhaltsam.

Nun habe ich selber auch gesundheitlich gar keine Möglichkeit mehr, mein Geld anders zu verdienen als mit dem Schreiben von Geschichten. Und selbst wenn dem nicht so wäre, warum sollte ich etwas anderes arbeiten?

Negative Auswirkungen von Raubkopien für den Autor:
Ein weiterer Aspekt wäre der zeitliche. Im positiven Fall werden die Romane kostenlos wie hulle downgeloaded – ich werde berühmt, danke euch, hurra, ich muss aber wie die Musiker heutzutage mehr auf Tour gehen, um mein Geld durch Auftritte anstatt durch Verkäufe reinzubekommen.

Wunderbar, einziges Problem, ich bin nicht mehr 28 und Single. Versteht mich nicht falsch, ich liebe Lesungen sogar! Und ich glaube, wer eine gesehen hat, wird das bestätigen – aber ich möchte nicht an 200 Tagen im Jahr auf Tour sein. Ich habe ein Leben, ich habe Familie, ich habe Kinder. Die will ich sehen. Und die wollen mich auch sehen – gut, zumindest bis sie Teenager sind.

Und jetzt spreche ich einfach mal für viele liebe KollegInnen, Autoren und Autorinnen, die vielleicht nicht so gerne auf die Bühne gehen, für Lesungen oder Workshops oder Paneldiscussions. Die gibt es nämlich jede Menge, und das ist verständlich bei unserem Beruf, denn man schreibt keinen Roman neben dem Plastikballpool einer Hüpfburg.
Man schreibt ihn meistens alleine.

Diese Kolleginnen (ich schätze 80%) haben dann nicht die Option, verstärkt auf Lesungstour etc. zu gehen. Außerdem gibt es ja auch nur begrenzte Auftrittsgelegenheiten, die wiederum in den letzten 20 Jahren weniger und weniger geworden sind.
Viele klasse Romane würden so nicht geschrieben werden.

An meine lieben Leser und Leserinnen meiner raubkopierten eBooks:
Ihr habt euch mein Buch kostenlos heruntergeladen? Okay. Es hat euch gefallen? Noch besser! Das freut mich, wirklich. Darum schreibe ich.
Ich habe dann eine Bitte: wenn es Dir finanziell möglich ist, dann kauf mein Buch (oder ein anderes von mir) und gebt es jemandem, der es sich wirklich nicht leisten kann! Als eBook oder als Buch, welches Du auch gerne einen gemeinnützigen Verein, Jugendheim, Bücherei spenden kannst!
Da hat dann jeder was davon: der Beschenkte, meine Familie, der Verlag, das Portal, über das ich selbstveröffentliche etc.

Genau, rufen einige, die Letzteren müssten alle nicht bezahlt werden, wenn Leser und Autor sich so nah sind. Der Autor könnte das gespendete Geld einheimsen – wozu Zwischenhändler?
Per Spende?
Niemals.
Und die Qualität? Ich persönlich schätze ein gutes Lektorat, Covergestaltung, Vertrieb etc. Ich habe kein Problem zu teilen, wenn meine Geschichten dadurch besser werden.
Ach, ich soll selber einen Lektor bezahlen, den Covergestalter … und … Moment mal, von was denn? Von den Spenden?

Lösungsvorschlag an Raubkopierer:
Ihr habt eine Lösung vorgeschlagen, dass Autoren von Spenden leben können.
Das Experiment ist für mich gescheitert.
Also schlage ich vor: Ihr löscht meine Titel bitte.
Ich halte 2,99 € nicht für unverschämt für einen Roman, den ich auch geschrieben habe. Damit bestreite ich unseren Lebensunterhalt (kein Auto, Urlaub in Jugendherbergen) und erkaufe mir die Zeit zum Schreiben.
Ich gehe auch davon aus, dass man im Netz Anleitungen findet, den DRM zu knacken, wer das möchte.
Ich wäre Euch dankbar.

Und wenn ich jetzt den berühmten Shitstorm gegen mich auslöse, ich virtuell bespuckt werde, man meinen Brief mit einem coolen Begriff (Fremdschämtraktat, Wutschrieb etc.) bezeichnet, es schlechte Rezensionen für meine Bücher hagelt, sie alle raubkopiert und sonst was werden, obwohl ich einfach nur gerne meine Sicht mitteilen, eine Lösung aufzeigen und zur Diskussion anregen möchte, so werde ich heute Abend meine Kinder ins Bett bringen und wissen, ich habe das Richtige gesagt und getan.

Deswegen lebe ich, deswegen schreibe ich.

Erfahrungsbericht: Amazon Kindle Direct Publishing (KDP) 3 Wochen nach den 3 Gratis Tagen (Teil 2)

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Drei Wochen sind die Gratis Tage her, an denen ich über Kindle Direct Publishing (KDP) meinen Horror Roman „Grolar“ angeboten habe. Über die unmittelbaren Erfahrungen während der drei Tage (Pfingsten, 18.5.-20.5.2013) habe ich ausführlich weiter unten in diesem Blog berichtet.
Was hat sich in der Zwischenzeit getan?

Bereits kurz nach dem Ende der Gratis Aktion, wo „Grolar“ zwei Tage auf Platz 1 der Horror Gratis Kategorie stand, stieg der Roman auch in die Top 100 Horror Verkaufscharts ein. Hinzu kamen die ersten Rezensionen, die zudem gut ausfielen.
Während dieser Zeit veröffentlichte ich den Teil 1 dieses Erfahrungsberichts mit KDP, ebenso twitterte ich die Rezensionen und teilte sie auf Facebook.
Nach ein paar Tagen pendelte sich der Roman zwischen Platz 17 und 50 der Kindle Horror Charts ein und war in der Zeit ständig in den Top 100 Amazon Horror Charts.

Diese Platzierungen hielt er über die gesamten drei Wochen ein (zurzeit dieses Berichtes Platz 28), außerdem wurde er mittlerweile neunmal besprochen (zu den 9 Rezensionen & dem eBook “Grolar”). Zu meiner Freude bekam er siebenmal fünf Sterne und zweimal vier Sterne. Für mich ein sehr erfreuliches Feedback. Auch bin ich sehr glücklich über die Sichtbarkeit des Romans in den Charts – will heißen: Am einfachsten finden mögliche LeserInnen einen Roman, wenn er in einer der Top 100 Kategorien platziert ist. Dies hat der „Grolar“ seit 3 Wochen erreicht. Somit hatte ich mein erstes Ziel erreicht.

Auch wurden einige LeserInnen durch meinen Hinweis am Ende des Romans auf meinen anderen Horror/Thriller aufmerksam, „Die Lokomotive“, die bei Epubli, Berlin (Roman als Epub) erschienen ist, und auch dieser Roman stieg einige Male in die Top 100 ein. Es gab dort also auch einige Käufe, die im Zusammenhang mit „Grolar“ standen, zumal “Die Lokomotive” auf Amazon für den Kindle und in allen ebook Formaten erhältlich ist.

Zudem gab in der dritten Woche zwei weitere erfreuliche Ereignisse:
Zum Einen wurde „Grolar“ in die Liste für den Vincent Preis 2013 aufgenommen, einem Preis für Horrorliteratur.
Zum Anderen kam der Kontakt zu Amazon Crossing zustande. Hier fungiert Amazon als Verlag, der international nach Romanen für ihr Programm sucht. Sofort wurde von dort „Grolar“ angefordert. Nun wird bei Amazon Crossing in Seattle von einem Übersetzer eine englische Synopsis erstellt und ebenso ein Auszug des Romans übersetzt. Aufgrund dieser Unterlagen wird dann entschieden, ob der Roman auf Englisch bei Amazon Crossing erscheint.
Unnötig zu sagen, wie sehr ich mich über diese Entwicklung freue. Ungefähr sechs Wochen muss ich nun den Atem anhalten. Ich bin gespannt.

Fazit:
Insgesamt hat der „Grolar“ bis hier hin meine Hoffnungen und Erwartungen übertroffen.
Was spricht für diese Auswirkungen der drei Gratis Tage in den darauffolgenden drei Wochen?
Eines steht fest, „Grolar“ ist ganz offensichtlich ein glasklarer Genre-Roman: Horror. Das spricht für ihn, denn dies hilft bei der Einordnung im „Regal“ der Portale, und es sieht so aus, dass dies für Selfpublisher noch wichtiger ist als für Verlage, die sich eine eindeutige Einordnung auch immer gerne wünschen.
Andersherum gesagt, ich bin gespannt, wenn ich mal einen literarischeren Titel von mir auf KDP gratis anbiete, ob der sich danach auch so gut platzieren kann.

Zum anderen wurde nicht zuletzt von Amazon Crossing das Cover und die Inhaltsangabe bei KDP hervorgehoben. Ich schließe mich also den Tipps von vielen Literaturbloggern an: Lasst es so professionell wie möglich aussehen – auch wenn es natürlich nur darum geht, was im Roman drin steht!

Soweit zu meinem Erfahrungsbericht.
Ich update weiter hier und über Twitter (TheNesch) und Facebook (TheNesch).

Für wen schreibe ich?

Die Frage höre ich regelmäßig auf meinen Lesungen. Nun denn: Ich habe angefangen zu schreiben in der Woche, wo ich aufgehört habe mit Playmobil und ähnlichem zu spielen. Anstatt meine Fantasie auszuspielen, habe ich sie aufgeschrieben, meine Ideen, meine Geschichten, die mir durch den Kopf gingen. Noch heute.

Das kam also einfach so aus mir heraus, allerdings habe ich dann meine Geschichten meinen früheren Spielkameraden gegeben zum Lesen. Und wenn dann ein Feedback kam, habe ich mich riesig gefreut. Und das tue ich noch heute, über Feedback und Rezensionen.

Ich habe aber auch geschrieben, regelmäßig, als ich nicht veröffentlicht wurde und es nicht leicht war, ein Buch selber zu drucken und dieses zu verkaufen. Daher habe ich schon viele Lesungen in den Neunzigern gemacht – dort gab es direktes Feedback.
Die Lesungen habe ich aber nicht des Geldes wegen gemacht, und ich habe nicht des Geldes wegen angefangen zu schreiben, und wenn ich des Geldes wegen schreiben würde, hätte ich sicherlich in den 15 bis 20 Jahren vorher irgendwann aufgehört. Man soll aber auch nicht des Geldes wegen Lotto spielen.

Nichtsdestotrotz können wir seit fünf Jahren von meinen Geschichten leben, bescheiden (kein Auto, keine Markenklamotten, kein Nikotin, kein Ausgehenessen, kein übermäßiger Alkoholgenuss) aber die Rechnungen sind bezahlt.
Unfassbar!
Und das ist noch schöner, als ich mir in den 15 Jahren davor hätte ausmalen können – wenn man sogar davon leben kann.

Ich sage Jugendlichen immer, mit 24 Jahren habe ich eine Lifestyle Entscheidung getroffen: Mir war damals klar geworden, dass ich regelmäßig schreiben möchte und muss, um mich wohl zu fühlen, und das ging mit dem Verzicht jeglicher Vollzeit-Karriere einher und der Frage, ob ich Auto etc. haben muss. Es war eine Lifestyle Entscheidung, weil man nie davon ausgehen kann von seinen Einnahmen als Autor zu leben, egal, wie gut man ist, egal, wie lange man schreibt (ich erspare uns die Beispiele aus der Literaturgeschichte…)

Für wen habe ich 15 Jahre lang geschrieben? Für mich, meine Freunde und die Menschen, die mich auf Lesungen und Konzerten getroffen haben.
Und 15 Jahre lang habe ich meine Romane an Verlage geschickt. Also habe ich auch für Praktikanten oder LektorInnen, die gerade von der Uni kamen, geschrieben. Denn ich landete damals sicherlich auf dem Stapel unverlangter Einsendungen – und einige persönliche Widmungen von Praktikanten auf Musterabsagen sind heute meine Beweise.

Wen habe ich vor Augen, wenn ich schreibe? Ich habe meine Figuren vor Augen, meine Charaktere, deren Umwelt, die Landschaft und den Ton, den Klang und den Rhythmus der Sprache. Und wenn ich das nicht hätte, könnte ich meine Geschichten nicht so schreiben, wie ich es tue.

Ich sage auch immer, die Geschichten suchen sich mich aus und nicht umgekehrt. Ich habe mich noch nie hingesetzt, um eine Romanidee zu finden. Wenn ein Roman beendet ist, suche ich aus zwei bis drei Ideen diejenige aus, die mir am wichtigsten erscheint, die nun erzählt werden muss, die ich erzählen muss, auch weil ich mich danach fühle, denn ich sitze einige Monate daran.

Ich glaube auch, Ich habe nicht den typischen Leser, die typische Leserin; keiner meiner Romane hat die, und deswegen kann ich mir alle und niemanden vorstellen. Gerade im jugendlichen Bereich höre ich oft: Ihr Buch war das erste Buch, das ich zu Ende gelesen habe.
Das freut mich wahnsinnig! Aber diesen Menschen mir vorher vorzustellen, einen, der kein Buch gelesen hat – das fällt mir schwer.

Und wenn ich gerade so darüber nachdenke, vielleicht liegt das daran, dass sich zu viele ihre LeserInnen vorstellen, mit Erfolg, und weil so viele an die gleichen Denken, werden andere vergessen. Vielleicht ist es so?

Und jetzt denke ich gerade, Mensch, jetzt hast du hier aber 23 Minuten viel erzählt und ich sollte wieder zurück zu meinen Figuren vor den Augen …

Okay, ich lege mich schnell noch fest: Ich schreibe für meine Figuren – um ihnen gerecht zu werden.

(inspiriert durch den Thread bei lesen.net im e-reader forum: hier gehts hin)

Erfahrungsbericht: Amazon Kindle Direct Publishing (KDP) 3 Gratis Tage für einen Roman

Roman: „Grolar“ (248 Seiten)
Genre: Horror/Thriller
Verkaufspreis Ebook: 2,99€ Kindle Amazon
Zeitraum: Samstag bis Montag, langes Pfingstwochenende 2013

Ich versuche, alle Aspekte zu berücksichtigen, die im Verlauf die Aktion beeinflusst haben könnten.
Zunächst einmal: Warum überhaupt KDP – Kindle Direct Publishing?
Die von mir angesprochenen Verlage konnten sich nicht zu einer Veröffentlichung von „Grolar“ entscheiden, obwohl oft auch erst nach langem Zögern und Diskussionen (Zitat: „Was so lange gedauert hat, sind die Diskussionen mit den Kollegen, die das Buch auch gelesen haben. Es ist sehr spannend, ungewöhnlich, interessant, ein sehr guter Thriller, einer, wie man ihn wirklich noch nicht gelesen hat“). Tja.
Meine anderen Romane habe ich über Epubli.de veröffentlicht, und ich bin absolut glücklich dort, aber ich wollte einfach mal die Gelegenheit wahrnehmen, die Gratistage bei KDP zu testen, um deren Effekt zu sehen.

Jetzt gibt es Stimmen, die sagen: Das lohnt sich nicht. Was sollen 5000 Downloads? Das ist Mitnahmementalität, wer liest oder rezensiert das danach schon?
Ganz ehrlich, ganz so verbittert bin ich noch nicht, ich glaube daran, dass es einige lesen werden, und ich hege die Hoffnung, dass sie es bei Gefallen auch weitererzählen.
Und wenn es nur eine Person ist, dann ist das die richtige. Ich habe schon Lesungen für einen Zuhörer gemacht (und kürzlich erst für drei), aber für die ist das – genau wie für mich – ein unvergessliches Erlebnis. Ob sich das finanziell lohnt, ist eine andere Sache. Aber man sollte nicht in erster Linie wegen des Geldes Romane schreiben (das gleiche gilt übrigens auch für das Lottospielen); man sollte der Geschichte wegen schreiben.
Natürlich hoffe ich danach, davon irgendwie leben zu können.

Also habe ich meinen Roman „Grolar“ bei KDP hochgeladen. Das ist recht gut beschrieben, aber bei der Formatierung brauchte ich dann doch ein paar Ratschläge, die ich in den Foren bei lesen.net und papyrus.de bekommen habe.
Für gänzlich technisch Unbedarfte empfehle ich wirklich professionelle Hilfe, zum Beispiel bei Rainer Zenz.

Dann habe ich den Roman nicht direkt am nächsten Tag gratis angeboten, sondern erst einmal selber getestet, ob alles im Text stimmt. Außerdem hoffte ich auf ein oder zwei Rezensionen, bevor die Gratistage freigeschaltet würden. Glücklicherweise habe ich einige LeserInnen, die seit vielen Jahren meine Veröffentlichungen verfolgen, und so bekam ich rechtzeitig eine gute Rezension („Ein  durch und durch nordamerikanischer Horror Roman“). Bis zum ersten Gratistag fanden 3 von 4 Lesern die Rezension hilfreich.
Nach dem Lesen eines anderen Erfahrungsberichtes in der Selfpublisherbibel mit KDP, die auch einige gute Statistiken zeigt, habe ich eine Woche vor der Gratisaktion xtme.de kontaktiert, um dort erwähnt zu werden.

Am ersten Gratistag, Samstag, sprang der Preis für meinen Roman gegen Mittag (also aufpassen mit der Werbung, erst Preis checken!) auf 0,00 Euro.
Bei xtme.de erschien eine positive Kurzrezension („Erinnert an Stephen King“) mit dem entsprechenden Link zu meinem Roman.
Außerdem postete ich die Nachricht über die Gratisaktion hier auf meiner Homepage unter News, auf Facebook und Twitter, wobei ich nicht wirklich viele Follower etc. habe. Gesine von Prittwitz retweetete mich.
Das war alles an PR von meiner Seite.

Am zweiten Gratistag, Sonntag, etwa 24 Stunden später hatte „Grolar“ 1185 kostenlose Downloads. Das ergab Platz 1 im Kindle Gratis Shop Horror und Platz 5 im Kindle Gratis Shop. 8 von 10 Lesern fanden die eine Rezension hilfreich.
Somit war mein erstes anvisiertes Ziel erreicht: Der Roman wurde sichtbar.
Für mich hatte der erste Schritt funktioniert.

GROLAR thorsten nesch 9jpg48 Stunden später, am Montag, hielt sich „Grolar“ konstant auf Platz 1 der Horror Charts und pendelte zwischen Platz 4 und 6 im Kindle Gratis Shop. Downloads 2104.
Jetzt frage ich mich natürlich: Klappt das für jeden Roman? Und wo wird „Grolar“ in den Charts auftauchen, wenn die Aktion vorbei ist? Wird er sichtbar bleiben? Wird er herunter geladen werden? Oder wird „Die Lokomotive“ – den einzigen Roman, den ich am Ende vom „Grolar“ als Lesetipp von mir erwähne – heruntergeladen?
Ich bin selber gespannt.

Am Ende der gratis Aktion, Dienstag!mittag (12.00 Uhr). Wenn man die Gratisaktion von Samstag bis Montag angibt, bedeutet das also: Samstagmittag bis Dienstagmittag!
Gesamte Downloads: 2613. Auf Platz 1 der Kindle Gratis Horror Charts die Aktion beendet.
10 von 12 fanden die Rezension hilfreich. Meine Homepage hier wurde übrigens nicht häufiger besucht in diesem Zeitraum, auch verkauften sich meine anderen Bücher während des Zeitraums nicht besser. Es gab aber einige Anfragen, ob das Ebook auch als Buch existiert.

Interessant ist der Vergleich mit dem Erfahrungsbericht auf der Selfpublisherbibel. Dort wurde in drei Tagen der Roman über 7000 mal heruntergeladen. Für mich war das Ziel mit 1000 mal erreicht, ich bin happy damit. Aber das bedeutet, dass die Tatsache, dass ich auch bei Rowohlt erscheine, für die Wahl der Downloader in der Gratisaktion keine Rolle spielt. Sollte also jemand  nicht unter die Top 10 des Kindle Gratis Shops kommen, hat das damit nichts zu tun. Es muss an etwas anderes liegen: Cover, Werbung, Genre…
Zurzeit glaube ich, dass Genre, ein gutes Cover und die Leseprobe entscheidend sind (wobei ich die Anzahl der geöffneten Leseprobe bei einer Gratisaktion gerne wissen würde!).

So, ich bin nächste Woche auf Lesungstour. Im Juni schaue ich, ob es Rezensionen und Reaktionen gegeben hat, und dann melde ich mich mit einem Fazit zurück. Ich denke Ende des Monats – damit einige potentielle Leser auch etwas Zeit haben.

. . .

Drei Wochen sind die Gratis Tage her, an denen ich über Kindle Direct Publishing (KDP) meinen Horror Roman „Grolar“ angeboten habe. Über die unmittelbaren Erfahrungen während der drei Tage (Pfingsten, 18.5.-20.5.2013) habe ich ausführlich weiter unten berichtet.
Was hat sich in der Zwischenzeit getan?

Bereits kurz nach dem Ende der Gratis Aktion, wo „Grolar“ zwei Tage auf Platz 1 der Horror Gratis Kategorie stand, stieg der Roman auch in die Top 100 Horror Verkaufscharts ein. Hinzu kamen die ersten Rezensionen, die zudem gut ausfielen.
Während dieser Zeit veröffentlichte ich den Teil 1 dieses Erfahrungsberichts mit KDP, ebenso twitterte ich die Rezensionen und teilte sie auf Facebook.
Nach ein paar Tagen pendelte sich der Roman zwischen Platz 17 und 50 der Kindle Horror Charts ein und war in der Zeit ständig in den Top 100 Amazon Horror Charts.

Diese Platzierungen hielt er über die gesamten drei Wochen ein (zurzeit dieses Berichtes Platz 28), außerdem wurde er mittlerweile neunmal besprochen. Zu meiner Freude bekam er siebenmal fünf Sterne und zweimal vier Sterne. Für mich ein sehr erfreuliches Feedback. Auch bin ich sehr glücklich über die Sichtbarkeit des Romans in den Charts – will heißen: Am einfachsten finden mögliche LeserInnen einen Roman, wenn er in einer der Top 100 Kategorien platziert ist. Dies hat der „Grolar“ seit 3 Wochen erreicht. Somit hatte ich mein erstes Ziel erreicht.

Auch wurden einige LeserInnen durch meinen Hinweis am Ende des Romans auf meinen anderen Horror/Thriller aufmerksam, „Die Lokomotive“, die bei Epubli, Berlin erschienen ist, und auch dieser Roman stieg einige Male in die Top 100 ein. Es gab dort also auch einige Käufe, die im Zusammenhang mit „Grolar“ standen, zumal dieser Roman nicht nur auf Amazon, sondern in allen ebook Formaten erhältlich ist.

Zudem gab in der dritten Woche zwei weitere erfreuliche Ereignisse:
Zum Einen wurde „Grolar“ in die Liste für den Vincent Preis 2013 aufgenommen, einem Preis für Horrorliteratur.
Zum Anderen kam der Kontakt zu Amazon Crossing zustande. Hier fungiert Amazon als Verlag, der international nach Romanen für ihr Programm sucht. Sofort wurde von dort „Grolar“ angefordert. Nun wird bei Amazon Crossing in Seattle von einem Übersetzer eine englische Synopsis erstellt und ebenso ein Auszug des Romans übersetzt. Aufgrund dieser Unterlagen wird dann entschieden, ob der Roman auf Englisch bei Amazon Crossing erscheint.
Unnötig zu sagen, wie sehr ich mich über diese Entwicklung freue. Ungefähr sechs Wochen muss ich nun den Atem anhalten. Ich bin gespannt.

Fazit:

Insgesamt hat der „Grolar“ bis hier hin meine Hoffnungen und Erwartungen übertroffen.
Was spricht für diese Auswirkungen der drei Gratis Tage in den darauffolgenden drei Wochen?
Eines steht fest, „Grolar“ ist ganz offensichtlich ein glasklarer Genre-Roman: Horror. Das spricht für ihn, denn dies hilft bei der Einordnung im „Regal“ der Portale, und es sieht so aus, dass dies für Selfpublisher noch wichtiger ist als für Verlage, die sich eine eindeutige Einordnung auch immer gerne wünschen.
Andersherum gesagt, ich bin gespannt, wenn ich mal einen literarischeren Titel von mir auf KDP gratis anbiete, ob der sich danach auch so gut platzieren kann.

Zum anderen wurde nicht zuletzt von Amazon Crossing das Cover und die Inhaltsangabe bei KDP hervorgehoben. Ich schließe mich also den Tipps von vielen Literaturbloggern an: Lasst es so professionell wie möglich aussehen – auch wenn es natürlich nur darum geht, was im Roman drin steht!

Soweit zu meinem Erfahrungsbericht.
Ich update weiter über Twitter (TheNesch) und Facebook (TheNesch).

Portrait des Autors Charles D’Ambrosio

Seit Anfang der 90er lese ich regelmäßig nur Raymond Carver, Cormac McCarthy, Richard Ford, Andre Dubus und später auch seinen Sohn, Andre Dubus III. Das sind die einzigen Autoren, deren Romane und Kurzgeschichtenbände ich regelmäßig gelesen habe – hinzugekommenen war 1997 durch seinen Shortstory-Band „Ihr wirklicher Name“ nur Charles D’Ambrosio. Das dachte ich zumindest.

Doch in den folgenden Jahren fragte ich vergeblich in den Buchhandlungen nach einer neuen Veröffentlichung, dann begann ich im Internet zu suchen und schließlich googelte ich jährlich … bis ich endlich Glück hatte: Sylvester Vormittag 2012. „Museum für tote Fische“, sein zweiter Band mit Kurzgeschichten war im Berlin Verlag erschienen. (Komplette Rezension bei Amazon)

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In 15 Jahren 14 Short Storys.

Wer ist dieser Schriftsteller, der für eine Kurzgeschichte im Schnitt ein Jahr braucht?

Charles D’Ambrosio wuchs in Seattle auf mit sechs Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen. Als Teenager fuhr er schon mal auf Güterzügen von Ort zu Ort; das erschien ihm sicherer als per Anhalter.
Er schaffte es an die Universität von Ohio, wo er amerikanische Literatur studierte. Die Textarbeit stand dort im Vordergrund, er vermisste das Leben, und er wunderte sich darüber, wie wenig die Professoren aus ihrem Wissen machten. Er war der Meinung, das müsste sich auf ihre Geschichten niederschlagen. Tat es aber nicht.
Er brach das Studium ab und jobbte stattdessen in Hoboken auf dem Bau. Zu der Zeit schrieb er Beiträge für ein lokales Magazin, und hier spürte er, wie sehr er diesen Prozess liebte. D’Ambrosio begann anders zu lesen, anders zu schreiben.

Mit einer Kurzgeschichte bewarb er sich für das Creative Writing Programm der Universität von Iowa – es war eine frühe Fassung von „Ihr wirklicher Name“, der Titelgeschichte aus seinem gleichnamigen Erzählband.
Während des Creative Writing Studiums am Oberlin College in Ohio und im Iowa Writers Workshop verfestigte sich seine Vorliebe für die kurze Form als ideale Ausdrucksweise, die Kunst, die er später so perfekt beherrschen wird.

Zu Recht wurden seine Erzählungen ausgezeichnet. So erhielt er den Whiting Award und den Acadamy of Arts and Letters Award für Literatur. Viele seiner Kurzgeschichten erschienen bereits im The New Yorker.
Parallel zum Schreiben unterrichtet er nun an verschiedenen Instituten selbst Creative Writing. Heute lebt er südlich von Seattle in Portland, Oregon – weil Seattle zu teuer und verfranchised ist, wie er sagt.

Er schreibt mit Computer und einer Olivetti Lettera 32 (wie sie auch in der Kurzgeschichte „Drummond & Son“ aus „Museum für tote Fische“ vorkommt. Sie war sogar Ausgangspunkt für die Idee, denn er musste sie reparieren lassen). Mit Bleistift korrigiert er.
So hat er zwei Kurzgeschichtensammlungen geschrieben und „Orphans“, eine fantastische Sammlung von Essays, die bisher leider nicht auf Deutsch erschienen ist.
D’Ambrosio erklärt den Unterschied zwischen den beiden Formaten so: „In einem Essay arbeite ich heraus, was ich denke; in einer Kurzgeschichte, was ich fühle“.

Aus einem solchen Gefühl schreibt er, und so will er auch nie das Ende einer Geschichte wissen, bevor er dort angekommen ist. Manchmal, im Falle von „Der Gipfelpfad“, dauert das für einen so exakt arbeitenden Autor 12 Jahre – für eine Kurzgeschichte. Aber alles Feilen und Warten lohnt sich.
Seine Lieblingskurzgeschichten vergleicht er mit Musik; wie ein gutes Lied, das er sich immer wieder anhören kann, kann er eine gute Shortstory immer wieder lesen.

Die Idee zu seiner Art von Liedern stammen gemäß der ungeschriebenen Regeln des Dirty Realism oft aus dem eigenen Leben, weitergesponnene biographische Ansätze zu fiktionalen Geschichten.
So geht es in „Der Gipfelpfad“ um einen Waisenjungen – und Charles D’Ambrosio besuchte aufgrund eines Magazinbeitrages einige Wochen ein Waisenhaus außerhalb von St. Petersburg, Russland.

Es sind Waisen und innerlich verwaist Suchende in einem Stadium gedämpfter Resignation, von denen D’Ambrosio erzählt. Aber sie haben ihre Verrücktheit und ihre Träume noch nicht ganz verloren, und so entstehen Geschichten, die nachhallen; so sehr, dass man nach der Beendigung einer Shortstory hin und hergerissen ist, ob man gleich die nächste lesen oder bis Morgen warten soll, damit man den bittersüßen Nachgeschmack länger genießen kann.

So etwas passiert mir persönlich nur bei sehr guten Romanen, und wenn es einen Grund gibt, warum Charles D’Ambrosio noch keinen Roman geschrieben hat, dann der: 10 von 10 anderen Autoren würden aus jeder seiner Kurzgeschichte einen Roman schreiben. Er nicht. Noch nicht! Denn angekündigt hatte er es. 2007 in einem Interview. Und das Mitfahren auf Güterzügen soll auch darin vorkommen.

Ich warte wieder auf das nächste Buch, jedes Jahr, egal, auch wenn es wieder 15 Jahre dauert.

 

Omaha Records Sampler #8 (unglaublicherweise kostenlos!)

Die Rezension eines Samplers? Ja. Und ich bin kein ausgesprochener Fan von Samplern, auf keinen Fall. Zuletzt hatten mich nur die Sampler der Glitterhouse Records in den 90ern derart überzeugt. Ich wartete quasi auf den nächsten.

Die Schwierigkeit, eine gute Kompilation zusammenzustellen, liegt natürlich bei den unterschiedlichen Stilen der verschiedenen Bands. Das hatten für mich nur Freunde geschafft, Glitterhouse Records, manchmal der Rolling Stones Sampler – und jetzt der Omaha Records Sampler #8 “Dir gefallen ja auch Singles”.

Ich kann ihn in einem durchhören, immer wieder. Dabei strahlt die klare musikalische Linie der Omaha Records durch, abwechslungsreiche Alt-Folk/SingerSongwriter Musik mit anspruchsvollen Texten auf Deutsch und manchmal auf Englisch.

Gleich der Opener ist eine Perle: Daantje & The Golden Handwerk. Und wer glaubt, da kann kaum was nach kommen, wird positiv beglückt mit Bands wie Diverse Brände, Café 612, _pappmaché, Verus, Herr Hund, Staring Girl, Elektrogrill, Godot und die anderen – und den anderen tue ich jetzt durch die Nichterwähnung schon wieder unrecht.

Die beste Anleitung zum Anhören gibt Godot „Wir brauchen nichts außer ein klein wenig Musik und genug Wein, um unsere wunden Seelen zu kühlen.“

Auf diesem Sampler gibt es Songwriting vom Feinsten. Also: Downloaden und anhören und sich dann das Album oder (wahrscheinlicher) die Alben besorgen.

 

 

20 Jahre Selbstveröffentlichen

„Gedichte, Kleister, Bier und Polizei“ (1.Teil)

Frühe 90er Jahre. Geschrieben hatte ich damals schon eine ganze Weile und sogar einen Freund gefunden, mit dem man nicht nur Party machen konnte, sondern der auch unverschämt gute Gedichte verfasste. Rico* hatte den gleichen Drive wie ich, und auch er ließ sich von unserer Antiquariarin Christine in Leverkusen überreden, die ersten Lesungen zu halten.
Von der positiven Resonanz angetrieben, ersponnen wir an einem langen Abend bei Bier und AC/DC-Schallplatten unsere ersten schriftlichen Veröffentlichungen. Wir würden jeder ein Gedicht mit der Schreibmaschine abtippen, ausschneiden und auf ein DIN A4 Blatt kleben, dieses 100-mal kopieren und nachts mit Kleister an die Hauswände unserer schönen Innenstadt kleben, nur um den Leverkusenern die Poesie nahezubringen.

Da es auch eine Serie werden sollte, musste ein provokanter Titel her: Die ProsAtitution war geboren. Ein echter Hingucker. Vor allem, wenn man das Wort 100-mal in Rot mit Edding drüberschreibt. Das klang allerdings nach verdammt viel Arbeit um zwei Uhr morgens, während wir zu Neill Young und Bruce Springsteen unseren Literaturplan schmiedeten. Rico kam bei Johnny Cash um vier Uhr auf die Idee, Pros und titution gleich mitzukopieren und dann nur noch das A rot zu ergänzen. Großartig! Ein Designdiamant. Und weitaus weniger Arbeit.

Die erste Hürde galt es im Kopierladen zu überwinden, schließlich prangte überall groß Prostitution mit drei Ausrufezeichen auf den Blättern. Geschickt schirmten wir mit unseren Heavy Metal Kutten das Kopiergerät ab – von hinten musste es ausgesehen haben, als würden wir uns entblößen. Egal, Hauptsache keiner schöpfte Verdacht.
Wir wieselten aus dem Laden und in den nächsten Baumarkt. Erstaunt darüber, wie viele Kleistersorten es gab, fragten wir einen Kleisterfachverkäufer um Rat.
Der fragte erstmal zurück, „Um welche Art Tapete und um welche Art Wand handelt es sich denn?“
Ich hielt unsere kopierte Tapete unter dem Arm und wollte sie ihm gerade zeigen, da stupste mich Rico an, der mich um einen halben Kopf und den Angestellten um anderthalb Köpfe überragte, und sagte, „Leichte, dünne Tapete auf Außenwand.“
„Außenwand?“, wiederholte er und ließ die Wand eine Weile zwischen uns stehen, bevor er fragte, „Von einem Haus?“
Offensichtlich ging seine Betonung im Erstaunen den Bach runter, und deswegen antwortete Rico ihm, „Nein, mehrere Häuser.“
„Wer tapeziert denn Häuser von außen?“
Rico öffnete seine Augen weit und verkündete, „Dichter!“
Worauf der Mann in dem roten Kittel blindlings in das Regal griff, meinem Freund ein kleines Paket in die Hand drückte und sich dem nächsten Kunden zuwenden wollte.
Ich sagte, „Moment.“
Er blieb stehen.
„Das ist doch zu wenig!“
„Was?“
„Na, was ist da drin, 300 Milliliter?“
Und Rico schüttelte die Packung, „Außerdem ist diese hier schon ausgetrocknet, der muss abgelaufen sein.“
Der Mann runzelte die Stirn und pustete seine Wangen geräuschvoll auf, dann atmete er aus und sagte ganz langsam, „Das schüttet ihr in einen Eimer, darauf 8 Liter Wasser und immer rühren, dann habt ihr Kleister.“
„Aha“, machte ich.
Rico tippte sich bedeutungsschwanger mit dem Zeigefinger an die Schläfe, „Wir haben Abitur.“
Ich zuckte entschuldigend mit den Schultern und die 100 Kopien unter meinem Arm segelten auf den gekachelten Boden. Das sah aus. Aber der Mann half uns beim Aufsammeln. Wortlos.

Mit 6 Liter feinstem Kleister zogen wir Freitag Mitternacht los. Zwei Kilo trieben als feste Klöße in der Suppe herum. Sie hatten sich einfach nicht aufgelöst beim Rühren.
Ich schleppte den Eimer, den Pinsel und die ProsAtitutionen, Rico den Rucksack mit dem Bier, denn der war schwerer, obwohl wir schon seit neun Uhr trinkend die neuesten Motörhead, Tom Waits und The Pogues Scheiben gehört hatten.
Die Straßen waren leer, und das Ankleben klappte prima, aber besonders schnell kamen wir nicht voran. Nach unserer 10. ProsAtitution trat ich ein paar Schritte von der Mauer zurück und schaute die Wand hoch zur Kirchturmuhr: 1 Uhr.
So würden wir bis zum Morgengrauen gerade mal die Hälfte schaffen. Wir legten uns ins Zeug. Schon bald klebten alle paar Meter entlang der Fußgängerzone unsere Gedichte, zwischen der Metzgerei und dem Schuhladen, dem Damenbekleidungs- und dem Sockengeschäft und auch zwischen dem Bäcker und der Apotheke. Ein Ganser Kölsch war zu Bruch gegangen, weil es mir durch die glitschigen Kleisterhände geglitten war. Die Scherben hatten wir mit den Füßen zur Seite gekehrt.

Mittlerweile waren meine Bewegungen ziemlich grobmotorisch, Kleister wurde großzügig aufgetragen, ProsAtitution drauf, und nochmal mit dem Pinsel drüber, ohne das rote A zu verschmieren, fertig. Die ganze Zeit hatten wir keine Menschenseele gesehen.
Ich pappte unsere Gedichte an die Wand der Bank und sagte, „Das war’s wohl für heute.“
Da standen wir plötzlich im Scheinwerferlicht eines Wagens, der in die Fußgängerzone einbog. Trotz des Gegenlichtes konnte ich das ausgeschaltete Blaulicht auf dem Dach des grün-weißen Passats erkennen. Rico wohl auch.
Denn während ich den Eimer mit dem Kleister abstellte und zur einen Seite lässig wegmarschierte, tat Rico das mit dem Rucksack über der Schulter zur anderen Seite, er konnte sogar noch pfeifen.
Hinter mir hörte ich eine näselnde Stimme durch den Lautsprecher, „Jungs, ihr habt euren Eimer vergessen.“
Ich drehte mich um, der Polizeiwagen stand direkt vor unserem weißen Eimer, ich 10 Meter auf der einen, Rico 10 Meter auf der anderen Seite. Das war vor Gericht schwer zu verteidigen.
Ihrer Autotüren schlugen zu. Wir trafen uns am Eimer mit den beiden Cops.
„Was ist das?“, fragte der eine.
Das fragten die schon immer, auch wenn es noch so offensichtlich ist. Und ein Eimer Kleister ist an der Spitze der Kategorie Offensichtlichkeit.
Rico und seine Motörhead-Aufnäher guckten die Polizisten an, auf seinem Rücken klangen die leeren und vollen Bierflaschen im Rucksack, und er sagte, während er mit einem Arm auf die im gleißenden Scheinwerferlicht klatschnass schillernde ProsAtitution zeigte, „Damit haben wir nichts zu tun.“
Der andere Polizist zeigte seinerseits auf mich, „Und was für Blätter klemmen bei deinem Freund mit den Kleisterfingern unterm Arm?“
Ich schaute an mir herab zu den weißen Seitenspitzen, die aus meiner Armachsel zu sprießen schienen. Die Ermittlungsschlinge zog sich zu.
„Personalausweise. Aber bitte vorher Finger abputzen“, sagte er in meine Richtung.
Also abreiben in die schwarze Röhrenjeans. Der eine Polizist verschwand mit den Personalausweisen im Wagen, der andere widmete sich unseren Zeilen, „Was ist das für ein Quatsch?“
Ricos Daumen klemmten in den Jeanstaschen, „Gedichte, aus dem Land der Dichter und Denker!“
„Ist das euer … Mist?“
„Das sind Klassiker der deutschen Literatur!“
Er kniff die Augen zu und las kurz, „Kenne ich nicht, muss man das kennen?“
Ich sagte, „Ich finde das nicht schlecht.“
Es war schließlich mein Gedicht.
„Ich finde es Mist. Das soll ein Klassiker sein?“
Ich strich ihn von der langen Liste meiner möglichen Leser.
„Die beiden sind okay“, sagte der andere Polizist, der mit unseren Personalausweisen wiederkam und sie uns zurückgab.
„Wo habt ihr denn überall schon den Klassiker hingeklebt?“
„Wir haben gerade angefangen und wollten die Fußgängerzone runter“, reagierte Rico schnell.
Der Beamte schüttelte den Kopf, „Da habt ihr ja Glück gehabt. Wie kommt man überhaupt auf so eine bekloppte Idee?“
Wir schwiegen.
„Ganz schön betrunken, was?“
Da konnte ich ihm nicht widersprechen.
„Dann reißt das Ding wieder ab, nehmt euren Eimer und geht nachhause. Von mir aus klebt die Dinger in euer Schlafzimmer. Da stören sie keinen.“
„Ja!“, sagte ich, als wäre mir gerade ein Licht aufgegangen.
„Wir wollen euch heute nicht mehr sehen, klar?“
„Klar.“
Ein Teilsieg der Literatur.

Am nächsten Tage regnete es so stark, dass die A’s an den 50 hängenden ProsAtitutionen ausgewaschen waren und deren Farbe das weiße Kopierpapier komplett rosa gefärbt hatten. Überschrift des rosa Plakats aus 2 Meter Entfernung: Prostitution!!!
Darunter unsere Gedichte.
Der Kleister hielt bombig, der Kleisterexperte im Baumarkt hatte uns gut beraten. Das letzte Pamphlet klebte unter einem Vordach im Pinkelgässchen über ein Jahr lang.

(*Name geändert)

„Von Kultur-Terroristen, den Dead Kennedys, Whiskey und dem Beamten“ (2.Teil)

Rico und ich beschlossen daraufhin, die Öffentlichkeit auf klassischem Wege zu suchen: Lesungen. Und weil man uns danach stets nach eigenen Büchern fragte, machten wir uns darüber Gedanken. Unsere Gedichte an Verlage zu schicken, verwarfen wir. Zu unterschiedlich waren dort die Geschmäcker. Also entschlossen wir uns dazu, ein eigenes Buch zu produzieren. Unsere DIN A4 Seiten mit den Gedichten kopierten wir auf DIN A5 herunter, kopierten die 100 Seiten 100 mal, schnitten sie in der Mitte auseinander und lochten die Blätter. Mittlerweile waren wir schon die besten Freunde mit dem Mann aus dem Kopierladen.

Bei der Dicke des Buches kamen als Bindung Heftklammern nicht infrage, Schnürsenkel könnten zu Low-Budget aussehen, deswegen steckten wir Musterbeutelklammern – die man auch zum Verschließen von Büchersendungen benutzt – durch die Löcher und klebten sie auf der Rückseite mit Tesafilm fest, damit sich im Gegensatz zu uns kein Leser daran verletzte.
Die Bücher verkauften wir dann bei unseren Lesungen ungefähr zum Selbstkostenpreis, denn der alleine war schon recht hoch. Buchhandlungen lehnten dankend ab, so was würden sie nicht verkaufen, nur im Antiquariat lagen sie gestapelt.
Dort fanden wir auch das Impressum, ein Literaturmagazin, herausgegeben von Josef „Biby“ Wintjes. Wir lasen von anderen Literaturzeitschriften, Rezensionen und Adressen. Wir konnten unser Glück kaum glauben, es gab noch mehr Verrückte! Die nächsten Schritte waren klar: Ich meldete einen Verlag an, den Manana-Verlag, und ich musste eine Literaturzeitschrift gründen.

Mein Leben und die Literatur finanzierte ich zu diesem Zeitpunkt durch unterschiedliche Jobs wie Pizza ausfahren, Kellnern und CDs verkaufen. Hauptsache, ich konnte mindestens 20 Stunden die Woche schreiben. So wuchsen die Gedichte zu Kurzgeschichten.
Per Brief schrieb ich einige Verrückte an und bat sie, mir Texte zu schicken. Als die eingetroffen waren, schmiss ich unsere Gedichte dazu, arrangierte sie mit ausgeschnittenen und bemalten Zeitungsausschnitten und Fotos im Querformat und nannte meine Literaturmagazin Kultur-Terrorist. Auflage 100.

Das Bimmeln der Glocken über der Eingangstür vom Kopiererladen habe ich heute noch in den Ohren, das Klingeln seiner Kasse beim Schließen auch. Allerdings war der Mann nicht ganz so freundlich, weil bei den Kopien zu viel Schwarz benutzt wurde. Das müsste ich doch einsehen, Buchstaben sind was anderes als dunkle Fotos, vor allem das Cover mit der großen schwarzen Bombe und der brennenden Lunte, viel zu schwarz. Eigentlich müsste er mir mehr berechnen, aber er würde nochmal beide Augen zu drücken.

Die erste Ausgabe heftete ich zuhause an einem sehr heißen Sommertag zusammen, Rico wollte eigentlich helfen, aber er tauchte nicht auf.
Also saß ich im Zimmer und sortierte auf dem Boden zu den Dead Kennedys die handschriftlich durchnummerierten Seiten des Kultur-Terroristen. 40° Hitze und kein Luftzug ließen mich schwitzen, mein T-Shirt flog in die Ecke. Nur in Boxershorts robbte ich von Blätterstapel zu Blätterstapel. Trotzdem war ich in Hochstimmung, das war mein eigenes Magazin, als Herausgeber mit Klassetexten und Spitzencollagen. Mir war nach Feiern zu Mute, auch wenn mich Rico im Stich gelassen hatte, ein großer Moment rief nach einem großen Whisky und die Hitze nach On-the-Rocks.
Als ich mit dem Kultur-Terroristen und dem Whisky halb fertig war, schellte es endlich an der Tür. Ich drückte schnell auf und lief zurück zu meiner Arbeit, weil ich beim Sortieren nicht durcheinander kommen wollte.

Rico brauchte ungewöhnlich lange für die Treppen, und als ich seine unsicheren Schritte im Flur hörte, rief ich kniend, „Mach hin! Hast du schon gesoffen?“
„Nein“, sagte die fremde Stimme des fremden Mannes in Anzug mit Aktentasche unter dem Arm im Türrahmen meines Zimmers.
Ich stellte meinen Whisky ab, „Wer sind Sie denn?“
„Wichmann*, Tralala (hab ich damals verstanden)-Amt. Sind Sie Herr Nesch?“
„Ja.“
„Sie haben einen Mana-mana-Verlag angemeldet?“
„Manana, Manana-Verlag! Nicht die Sesamstraße“, sagte ich und deutete mit ausgebreiteten Armen auf das Meer von kopierten Bomben um mich herum.
„Darf ich mich setzen. Wir müssen einige Formulare ausfüllen.“
Ich räumte sechs Stapel von meinem Sessel.
„Seit wann machen sie Hausbesuche?“
Er setzte sich, die Beine eng aneinander, die Aktentasche auf den Oberschenkeln, „Wenn jemand eine Firma anmeldet, müssen wir die … äh …“, er schaute sich hilfesuchend im Zimmer um, „Produktionsstätte begutachten.“
„Aha.“
„Könnten Sie vielleicht … äh … die …“, er zeigte auf den Plattenspieler.
„Sie mögen kein Punk?“
Eine rhetorische Frage. Ich tat ihm den Gefallen, drehte die Dead Kennedys leiser und suchte mein T-Shirt, bis unter meinem nackten Fuß die Seite 20 klebte. Aber von welchem Stapel? Ich fluchte.

Der Mann zog die Formulare aus seiner Tasche, klickte einen Kugelschreiber aktiv und fing an mit, „Sind das hier die Büroräume?“
„Ja, das hier sind die Büroräume“, sagte ich mit dem Glas Whisky in der Hand und lehnte mich stehend mit der nackten Schulter gegen die Iron Maiden Fahne.
„Mit welcher Gewinnbilanz rechnen sie im ersten Jahr?“
„Null.“
„Haben Sie Angestellte?“
Spätestens hier war der Punkt erreicht, wo auch er eine blöde Antwort verstanden hätte. Aber Herr Wichmann schwitzte in seinem Anzug mit Schlips sicherlich mehr als ich und wäre auch lieber woanders.
„Nein.“
„Planen Sie auszubilden?“
Wieder schellte es, ich sprang in den Flur, drückte auf und rief ins Treppenhaus, nur um sicherzugehen, dass jetzt nicht noch wer anderes kommt, „Rico?“
„Nee, Helmut Kohl“, sagte er.
Wunderbar. Dann würde es gleich doppelt so schnell weitergehen.

Ich kehrte zu meinem Herrn Wichmann zurück, „Entschuldigung, wo waren wir stehen geblieben?“
„Auszubildende, werden sie ausbilden?“
Ich setzte mich vor ihn in den Schneidersitz, „Nein.“
Im Flur stapfte Rico in die Küche, die Kühlschranktür ging, der Kronkorken einer Ganser ploppte auf. Mit der Pulle am Hals kam er zu uns, und er verschluckte sich bald, als er meinen Besuch sah.
Mein Besuch sah auch überrascht aus.
Rico sagte als Erster etwas, „Was macht denn Loriot hier?“
Herr Wichmann zwinkerte mit den Augenlidern, als er mich ansah.
Ich antwortete, „Ehrlich? Ich habe keine Ahnung.“
„Normal sitz ich auf dem Sessel!“, maulte Rico.
Herr Wichmann federte hoch, „Bitte, wenn Sie…“
„Ich hör gar nix, ich mach mal die Kennedys lauter.“
„Kill-kill-kill-kill-kill…“, sang Yello Biafra.
Rico stellte sich breitbeinig vor den Sessel, zog eine Schnute, moshte ab, headbangte und spielte dazu Luftgitarre, die Pulle Ganser in seiner Linken, Schaum floss über seine Hand.
Bei „Toni-i-i-ite“ schauten Rico und ich uns an und sangen gemeinsam lauthals mit, dann wendete ich mich wieder dem Staatsdiener zu.
Herr Wichmann meinte, „Ich glaube, den Rest kann ich alleine ausfüllen, wenn Sie mir bitte den Gefallen täten, hier und hier und hier zu unterschreiben.“
„Gerne“, sagte ich zum Takt der Mucke nickend.

Die Kultur-Terroristen wurden fertig, aber, oh Wunder, auch diese wollte der Buchhandel nicht auslegen. Nur Christine vom Antiquariat blieb uns treu, und wir verkauften sie auf den Lesungen in den Kneipen der Stadt.
Durch das Impressum erfuhren wir von etwas Größerem: der Mainzer Minipressenmesse, einer Messe der unabhängigen Verlage. Da mussten wir hin. Die Standmiete war erschwinglich.

Es war immer noch heiß in diesem Sommer, und die Luft im Messezelt glich dem Innenleben von irischen Gummistiefeln. Kurz entschlossen bauten wir uns draußen auf. Sollten wir nicht verkaufen, würden wir wenigstens einen guten Teint bekommen – außerdem knallt das Bier mehr in der Sonne.
Übernachten wollten wir irgendwo in den Weinbergen in Ricos Mitsubishi, wie in der Nacht zuvor. Das war zwar alles etwas schief aber umsonst.
Im Zelt tat sich nicht viel, es stellte sich heraus, dass dort eher Kunstverlage am Start waren. Doch während des Tages trafen wir draußen alle die Verrückten, von denen wir einige mit Namen kannten, und wir tauschten und kauften die Magazine und Bücher und Hefte. Und der Cocksucker Verlag kam sogar mit selbstgelabelten Cocksucker-Bier.
Am Ende waren wir ein gutes Dutzend, alle gleich angeheitert, mit einem ähnlichen Literatur- und Musikgeschmack, und damit keiner in Weinbergen, am Flussufer oder sonst wo schlafen musste, meinte ein Cocksucker, wir sollten abends alle zu ihm. Spaghetti und Wein wäre auch genug da.

Es war ein rundum perfekter Abend, und am nächsten Tag verabschiedeten wir uns mit der Gewissheit, sich gegenseitig Lesungen zu organisieren, und die Berliner planten im gleichen Jahr ein Festival und sie nannten es Social Beat, und die Kneipen und Clubs waren voll. Die selbstkopierten Hefte wurden uns aus den Händen gerissen, Kleinstauflagen von Büchern waren rasch vergriffen.
Zeit für mein erstes eigenes Buch!

(*Name geändert)

 „Literaturschmuggel im 20. Jahrhundert“ (3.Teil)

Eins war klar: Es ist eine Sache, den ortsansässigen Kopiererladenmonopolisten jedes Jahr nach Mallorca zu kopieren, aber eine andere, 400 Bücher drucken zu lassen. Die Kosten ließen mich schön mit den Ohren schlackern. Unmöglich.
Wieder fand ich die Lösung im Antiquariat. Christine kannte jemanden, der jemand kannte, der jemand kannte, der gerade neue Druckmaschinen bekommen hatte und sie gerne gegen Deutsche Mark ausprobieren würde, ohne Rechnung, ohne Steuer, verstand sich, für 900 DM in Tschechien, 400 Bücher!
Perfekt.

Mittlerweile war ich durch die Gnade eines Freundes computerisiert, und er war auch so nett, mir von der Floppy Disk die Dateien an seinem High-End-24-Nadeldrucker auszudrucken. Das Schriftbild war buchstäblich gestochen scharf.
Mit einem Coverfoto schickte ich die Seiten in die Nähe von Ostrau. Zwei Wochen später kam der Brief, ich könnte die Bücher abholen. Rico war dabei, er würde fahren, für Benzin, Bier und Übernachtung.

Weil die Jugendherberge in Regensburg unverschämt teuer war, übernachteten wir im Wagen irgendwo in den Feldern vor der Grenze zu Tschechien mit Bier, Brötchen und Salami, kilometerweit weg von dem nächsten Bauernhof, so dass wir niemanden störten, als wir Lou Reed aus dem Cassettendeck aufdrehten. Kurz nach Mitternacht rollten wir uns ab und schliefen ein.

Drei Uhr morgens wurden wir gestört. Außerirdische wollten den Mitsubishi kidnappen, wir hatten keine Chance, ihre Gestalten erkannten wir noch nicht einmal, wegen ihrer hellen Augen.
Dann klopfte ein Grenzpolizist mit der Taschenlampe hart gegen die Scheibe. Abwechselnd rief er „Raus!“ und ein Wort, das wir nicht verstanden.
Wir ergaben uns mit erhobenen Händen und fragten, was los sei.
Daraufhin wunderte sich die gefühlte Hundertschaft, und der Ranghöchste vor mir meinte, „Ihr seid Deutsche?“
„Das letzte Mal, als ich in meinem Pass geguckt hab, schon“, sagte Rico.
„Nicht frech werden. Pässe.“
Wir kramten sie hervor und schlossen unsere halb offenen Hosenställe und den Knopf darüber. Röhrenjeans waren einfach zu eng zum Schlafen.
Der Offizier fragte barsch, „Was macht ihr denn hier?“
Rico murmelte, „Drei Uhr morgens, unsere Augen waren zu …“
Ich unterbrach ihn, „Wir waren lange unterwegs, müde geworden, da wollten wir bis morgen hier schlafen. Wir stören doch niemanden.“
„Wo wollt Ihr denn hin?“
„Tschechien.“
„Was wollt Ihr da?“
Innerlich wartete ich auf das berühmte: Was ist das? Aber es kam nicht.
„Urlaub machen.“
„Wo?“
„Prag.“
Einer seiner Kollegen gab uns unsere Pässe zurück.
Ein anderer sagte, „Hier liegen Bierdosen drin.“
„Tut mir leid, die sind schon leer“, sagte Rico.
„Hey-hey-hey!“
„Dann fahrt jetzt“, sagte der Offizier.
Ich zählte vier Wagen um uns herum, so kamen wir nicht weg. Außerdem hatten wir getrunken, und ich spürte, der Restalkohol war noch nicht verflogen, also sagte ich, „Ich glaube, wir können nicht fahren, wir dürfen nicht, wir haben getrunken. Kein Alkohol am Steuer.“
Der Mann kratzte sich am Kopf und entschied dann, „Fein, aber um acht Uhr seid ihr hier verschwunden.“
„Das hatten wir vor“, sagte Rico.
„Im Auto kann man nicht gut schlafen.“
Nacheinander wurden die Taschenlampen abgeschaltet, und wir öffneten wieder die Knöpfe, bevor wir uns in den Wagen setzten.

Ich gab dem Drucker seine neun blauen Scheine, wir lächelten uns freundlich an, aber er sprach kein Englisch oder Deutsch und wir kein Tschechisch oder Russisch. Kritisch beäugte er die Hunderter, und ich prüfte kritisch einige Bücher auf ihre Qualität. Bestens.
Schweigend beluden wir den Mitsubishi mit den 400 Büchern abgepackt in grauen Kartons. Am Ende zeigte der Drucker auf die Hinterräder. Ja, unter dem Gewicht hing der Kleinwagen ganz schön tief runter hinten.
Wir winkten Aufwiedersehen und verfuhren uns so richtig schön in den viel zitierten böhmischen Dörfern. Rico und ich sind viel gemeinsam herumgefahren, aber so dämlich hatten wir uns noch nie angestellt.

Mich traf ein mulmiges Gefühl, als wir auf den Zoll zufuhren, so ganz ohne Papiere und Rechnung für die Ware. Doch wir waren den Beamten egal und wurden durchgewunken. Ich war richtig erleichtert, aber nun war die nächste Zollstation dran, das waren eben nur die Tschechen gewesen. Natürlich waren wir denen egal. Den Deutschen waren wir nicht egal. Zum ersten Mal in meinem Leben schmuggelte ich etwas, und ich wurde rausgewunken.
„Scheiße“, sprach Rico das aus, was ich dachte.

Er hielt an und zog knarrend die Handbremse. Wir stiegen aus und warteten, bis der ältere Zöllner zu uns geschlendert war.
Wir begrüßten einander sachlich, dann steckte er die Hände in die Hosentaschen, wippte kurz auf den Zehenspitzen nach oben, presste die Lippen zusammen und sagte, „Der hängt mit dem Arsch aber ganz schön weit unten, Freunde.“
„Jo.“
„Aufmachen.“
Rico gehorchte.
Der ganze Kofferraum stand voll grauer Kartons, übereinander, nebeneinander, hochkant und quer.
„Was ist da drin?“
„Meine Bücher.“
„Bücher sollen das sein? So, so.“
„Ja.“
„Na, dann …“, der Mann tippte willkürlich an drei verschiedene Kartons, „den, den und den aufmachen.“
Wir zogen die Kartons heraus, stellten sie zwischen uns ab und öffneten sie. Der Beamte beugte sich herunter, als wollte er in einen Schacht schauen. Dann guckte er mich an, wieder die sichtbaren sechs Frontcover, und wieder mich.
An dieser Stelle sollte ich ein Wort zur Umschlaggestaltung meines ersten Werkes verlieren. Da ich derjenige war, der es geschrieben und bezahlt hatte, war ich nach der Logik verfahren: Was Johnny Cash und Bruce Springsteen auf ihren Plattencovern können, kann ich auch; und deswegen hatte ich mich für ein Portrait von mir selbst als Coverbild entschieden und strahlte den Beamten nun von sechs Umschlägen aus mit wehenden Haaren und Sonnenbrille an.
„Mein Buch!“, sagte ich stolz.
„Das sehe ich wohl. Und die ganzen Kartons sind voll davon?“
„Ja!“
Er brauchte einen Moment, bis er wieder in seine Routine verfiel, „Wo gedruckt?“
„Tschechien“, dabei wies sich mit dem Daumen über meine Schulter, als wüsste er nicht, wo das läge.
„Dann hätte ich jetzt gerne die Rechnung gesehen.“
„Die gibt es nicht“, gab ich direkt zu.
Er atmete tief ein, „Ei, ei, ei.“
Abwechselnd schaute er mich an, mich auf den Büchern, die offene Kofferraumklappe, Rico, mich auf den Büchern und wieder mich.
„Alles nur Bücher, ja?“
„Ja.“
„Was hast du damit vor?“
Ich fand das immer schön, wie schnell man geduzt wird, wenn das Gegenüber den Respekt vor einem verloren hat.
„Verkaufen, auf Lesungen.“
„Lesungen?“, er guckte mich mit großen Augen an.
„Ja.“
Er schaute sich um, wir standen etwas abseits, der spärliche Verkehr floss vorbei, seine Kollegen hatten alles im Griff, und wir waren alleine.
„Kommt, Freunde, packt die Kartons wieder ein, macht die Klappe zu und fahrt.“
„Danke.“
„Danke“, sagte auch Rico.
Wir verabschiedeten uns und saßen so schnell im Wagen, als müssten wir vor einem Wespenschwarm fliehen.
„Schwein gehabt“, stöhnte ich erleichtert auf.
„Ein Literaturfreund“, sagte Rico, „Schreibt vielleicht selber“, er fuhr langsam an, „Der hat sich auch gedacht, was die hier sonst so rüberschmuggeln … Waffen, Drogen … was sind da ein paar Bücher?“

Die 400 Exemplare verkaufte ich in knapp einem Jahr auf Lesungen, im Antiquariat und über Rodneys Underground Press – Buchhandlungen nahmen dieses professionell hergestellte Buch mit Kurzgeschichten und Gedichten und mir vorne drauf immer noch nicht. Warum wohl?

Fazit:

Vor kurzem führte ich ein Gespräch mit einer Literaturagentin, die mir stark davon abriet, meine unveröffentlichten Romane selbst zu publizieren. Das mache einen schlechten Eindruck.
Eindruck hin oder her, ich würde heute nicht so schreiben oder auftreten bei Lesungen, wenn es die 90er Jahre nicht gegeben hätte.
Auch betonte die Agentin, das Selbstveröffentlichen würde sich finanziell nicht lohnen.
Das stimmt vollkommen, finanziell lohnt es sich heute so wenig wie damals, dennoch steht für mich die Möglichkeit, gelesen zu werden, im Vordergrund. Mir geht es um das Geschichtenerzählen. Wäre es mir damals schon um das Geld gegangen, dann hätte ich nicht angefangen, Romane zu schreiben.
Wie hatte ein Juror mir mal bei einem Literaturpreis gesagt, für den ich nominiert war, ihn aber leider nicht bekommen hatte: Sie brauchen den Preis nicht, sie schreiben die nächste Geschichte auch so.
Mit Letzterem hatte er Recht.
Ich schreibe immer die gerade wichtigste Geschichte zum jeweiligen Zeitpunkt so gut wie möglich von Anfang bis Ende. Da wird halt nicht alles veröffentlicht. Deswegen publiziere ich die selbst bei Epubli.de.

Bei der ganzen Diskussion um das Für und Wider von Selbstveröffentlichungen heutzutage ist mir aufgefallen, dass der Vergleich mit der Vergangenheit fehlt und daher die Perspektive verzogen ist. Deswegen dieser gonzojournalistische Ausflug in meine Vergangenheit.
Von den aktiven Gegnern des Selbstpublizierens wird gerne angeführt, dass die Autoren die Kosten und die Arbeit nicht unterschätzen sollten, sie wären immens: Lektorat, Cover, etc.
Das war damals nicht anders. Hinzu kam vor der Print-on-Demand Möglichkeit noch die Schwierigkeit, dass man erstmal richtig Geld auf den Tisch legen musste, wollte man ein richtiges Buch in der Hand halten – plus gegebenenfalls seine Freiheit riskieren …
Ach ja, und dann gab es noch den Vertrieb. Nämlich keinen. Kein Internet. Rodneys Underground Press (immer noch dabei!) kopierte selber Flyer, die er verschickte oder auslegte, so erreichte er zum Glück zumindest ein Szenepublikum. Von der öffentlichen Präsenz und Zugänglichkeit eines Internetportals ist das aber weit entfernt.
Und das waren damals die beiden Hauptprobleme gewesen: Wie kriege ich das Geld für ein Buch zusammen und wie verkaufe ich es?
Beides kein Problem mehr heute.
Dabei habe ich das Ebook noch nicht einmal erwähnt.

Wenn man nun wirklich etwas Negatives über das Selbstveröffentlichen 2012 finden möchte, dann würde ich die Sache aus einem anderen Blickwinkel betrachten.
Heute habe ich eine Datei, die ich von zuhause dorthin schicke, wo sie produziert, gedruckt und verkauft wird. Im besten Falle dazu ein paar E-Mails und Telefonate, das war’s. In zwei Sätzen.
Nur zwei Sätze. Vom Schreibtisch zuhause aus.
Hmmh. Was war das dagegen damals verrückt und durchgeknallt mit Motörhead und Rico.
Der Spaßfaktor beim Selbstveröffentlichen ist nicht mehr der gleiche.
Das ist der größte Nachteil beim heutigen Selbstpublizieren, wenn man denn unbedingt einen finden möchte.
Das hat aber noch keiner gesagt.

Unreflektierte Berichterstattung: Wie schnell darf sie sein?

Reaktion auf »Rettet die Zeitungen!« von Bernhard Pörksen  (DIE ZEIT Nr.3, 10.1.2013)

Wie war es denn vor dem Internet? Stündlich gab es Nachrichten im Radio, mehrfach am Tag im Fernsehen, und wenn eine Katastrophe passierte, wurde das Programm unterbrochen.
Ja, entgleist in der Nachbarschaft ein Güterzug und giftige Gase werden freigesetzt, dann möchte ich das möglichst schnell wissen. Aber wie wahrscheinlich ist das? Soll mein Smartphone deswegen jedes Mal ein Geräusch von sich geben, sobald ich irgendeine News eines meiner abonnierten Nachrichtenportale erhalte?
Oder ist das permanente Warten, was sich letztendlich als ein vergebliches herausstellt, vielleicht die größte alarmbereite Zeitverschwendung meines Lebens? Einem Leben im Stand-by. Weil es nie eintrifft.

Welche Nachrichten sind wirklich wichtig für mich, betreffen mich, und wie schnell will oder muss ich sie erfahren? Und wie reflektiert?
Außer Katastrophen auf lokaler Ebene gibt es ehrlich gesagt nicht viel, was ich drei Minuten nach seinem Eintreffen wissen muss. Alles andere bevorzuge ich überarbeitet, reflektiert, in der erzwungenen Distanz einer notwendigen Entschleunigung, zum Beispiel durch eine gedruckte Zeitung, sei es täglich oder wöchentlich. Auch bevorzuge ich diese Informationen haptisch, lesend, ausgebreitet auf Papier. Und erst danach lese ich die Kommentare online in Blogs oder auf Portalen, um mir ein möglichst komplettes Gesamtbild der Nachricht zu machen. Dann sind die Meinungen auch online reflektiert, der zeitliche vermeintliche Vorteil jedoch hinfällig.

Zu diesem Schluss bin ich aufgrund meines eigenen Verhaltens gekommen. Es war kein bewusster Selbstversuch meinerseits, sich ausschließlich durch Onlinemedien informieren zu wollen, ich wurde getrieben durch Neugier. Jene Ausschließlichkeit ist gescheitert – sei es durch zu rasch verbreitete Gerüchte oder Halbwahrheiten, gerade in den frühen Stadien einer Nachricht, verursacht von überambitionierten Journalisten oder Amateuren, oder durch mein schlichtes Unvermögen, die Filter entsprechend zu setzen oder zu recherchieren. Ich empfand es als ein Go-with-the-Flow, ein Schwimmen im Strom, im Schwarm, anstatt dagegen, wodurch man doch nur so zur Quelle gelangen kann.

Besagte Filter sind bei den Printmedien gesetzt. Es ist an mir, den jeweiligen Filter zu wählen, welche Zeitung sich welchen Themen auf welche Art und Weise nähert. Auch ein Hashtag (#) bei Twitter ist nichts anderes als ein Filter, der mit dem Wort, was ihm folgt, andere Alternativen zum Thema zunächst einmal ausklammert. Zu einem Thema müsste ich mehrere Suchaktionen starten. Eine starke Zeitung zeichnet eine klare Linie aus, die mir diese Arbeit auf professionelle Art und Weise abnimmt. Diese Linie selbst im Internet zu finden ist schwierig, verlässliche Quellen versteckt im großen Gequassel.

Ein anderer Aspekt ist das abweichende Leseverhalten bei den unterschiedlichen Medien. Mir ist das bei einer Zeitung aufgefallen, die ich zunächst auf meinem eReader gelesen habe und danach auf Papier. Abgesehen davon, dass ich die elektronische Ausgabe nicht so schnell lesen konnte wie die gedruckte, sind mir bei der ePaper-Lektüre einige Artikel einfach durch die Lappen gegangen. Es gibt für mich keinen Zweifel, dass selbst dies einen Filter darstellt, einen persönlichen, individuellen, aber auch einen vom jeweiligen Medium passend zu den menschlichen Fähigkeiten geleiteten.
Dies passierte mehrmals: Wiederholt las ich eine gleiche Ausgabe unterschiedlich und verpasste den ein oder anderen Beitrag. Ich fand so heraus, dass jene, von den Printmedien gesetzten Filter für mich am effektivsten funktionierten, nicht generell, sondern bei bestimmten Zeitungen.
Darüber hinaus recherchierte ich im Internet, um zu weiteren Sichtweisen zu gelangen. So fühle ich mich umfangreich informiert. Beides will ich nicht missen, aber auf die ersten Stunden der Berichterstattung kann ich verzichten. Diese Zeit habe ich, danach zählt für mich in erster Linie die Zeitung und dann das Internet.

Wie auch bei mir, glaube ich, dass sich auch im Allgemeinen die Nutzung der Nachrichtenmedien einpendeln wird. Zeitschriften und Magazine haben sich dem Internet genähert, manche durch Layout andere durch Onlineangebote, und Internetportale werden sich den Zeitungen nähern, vielleicht sogar Joint Ventures formen.

Und weil die »profitierenden Intellektuellen« im Artikel erwähnt wurden, möchte ich hinzufügen: Noch nie wurde ein Buch von mir in DIE ZEIT besprochen, noch ein Artikel von mir gedruckt. Daher fühle ich mich auch nicht angesprochen, ich schreibe hier als Leser, der vielleicht eine neue, sicherlich aber seine eigene Sichtweise zum Thema gebildet hat. Ich schreibe als jemand, der für sich herausgefunden hat, dass ein eindeutig gewichtetes Nebeneinander der Medien die Antwort auf die Konkurrenz ist.

 

Das eBook als Handout – Creative Writing auf See

Dies war bereits das zweite Mal, dass ich als Edutainer bei einer TUI-Kreuzfahrt auf der „Mein Schiff 1“ dabei sein durfte. Meine Aufgabe bestand darin, Workshops zu geben und Lesungen von „Verkehrt!“ zu halten.

Jene Veranstaltungen finden in der Regel an Seetagen statt. Dies sind ausschließlich Reisetage auf dem Schiff, ohne dass man im Hafen liegt, wo die meisten Mitreisenden sich die Städte anschauen.

Ich hielt unter anderem einen Creative Writing Kurs zum Thema „Wie man einen Jugendroman schreiben kann“. Dabei handelt es sich um einen Basiskurs über das Schreiben, bei dem ich keinerlei Vorwissen im Sinne der klassischen Literatur oder auch der Filmlandschaft voraussetze. Im Zentrum stehen dabei die Struktur der Heldenreise, Figuren, Erzählperspektive und die Vermittlung meiner Erfahrung als Autor. Diesen Kurs gebe ich schon etliche Jahre, vor einigen Monaten ist dazu auch bei epubli das Sachbuch „Helden – oder: Warum Kometen nicht auf Idaho stürzen“ erschienen. Einen Verlag konnte ich leider nicht von meinem Konzept eines flapsigen Einsteigersachbuches überzeugen, es gäbe nicht genug Interessenten für das Thema. Ihre letzten derartigen Sachbücher floppten. Bei Amazon war „Helden“ mehrfach Nummer 1 in seiner Kategorie.

Mein Kurs, den ich stets an die Wünsche der Organisatoren und Teilnehmer anpasse, ging auf der „Mein Schiff 1“ über zwei mal zwei Stunden mit einem freien Tag dazwischen. Während dieses Workshops entwickeln die Teilnehmer entlang der Struktur der Heldenreise gemeinsam eine eigene Geschichte. Praxis steht bei mir stets im Vordergrund. Die zwei Abschnitte hatten in diesem Fall den zusätzlich positiven Effekt, dass sich die Teilnehmer auf das zweite Treffen mit Fragen und inhaltlich auf ihre Geschichte vorbereiten konnten.

Hatte ich bei meiner ersten Reise noch Handouts (ausgedruckte, kopierte und zusammengeheftete Seiten) ausgehändigt, kam mir in der Vorbereitungszeit vor der Reise eine andere Idee. Schließlich gab es in der Ausschreibung den Hinweis auf eine maximale Teilnehmerzahl von 20. Die 20 mal 10 Seiten (eine Zusammenfassung von „Helden“ quasi) macht zusammen 200 Seiten – die ich auch im Koffer mitschleppen muss.

Die Idee: Ich gebe mein ganzes eBook-Sachbuch als Handout! Die Teilnehmer haben 100 Seiten mehr Infos, können es sich auch nach Bedarf ausdrucken lassen, wenn sie wollen, und ich habe weniger Arbeit und Kosten, und ich schone meinen Rücken und die Umwelt.

Ja, dachte ich, ich werde mir den Papierstau im Drucker, die verbogenen Heftklammern, Eselsohren und verknickten Seiten durch die Reise sparen und das eBook „Helden“ als Handout ausgeben.

Mein erster Gedanke: Gutscheine mit Codes zum Downloaden. Die hätte ich erst organisieren müssen. Und das würde dann wieder nicht mit jedem Downloadportal für jeden eReader klappen. Selber per USB-Stick … nein. Technik hat mir schon zu oft einen Streich gespielt, und es hat auch nicht jeder auf einem Schiff so etwas wie eine externe Festplatte dabei, oder einen direkten Internetzugang.

Kurzerhand entschied ich mich dazu, 1 Euro und 50 Cent auf die Rückseiten meine Autogrammkarten zu kleben und jedem Teilnehmer am Kursende auszuhändigen. Gesagt getan. Die Teilnehmer machten große Augen wegen der ungewöhnlichen Geste. Autoren, die Geld verschenken, gibt es in der freien Wildbahn eher selten. Aber ich erklärte ihnen meinen Arbeit- und Kostenaufwand für mögliche Kopien, und dass so beide Seiten mehr davon hatten.

Draufzahlen würde ich auch nicht, denn bei einem Download würde ich als Autor 75 Cents wieder zurückbekommen (bei epubli sogar 1 Euro). Und sie hatten 100 Seiten anstatt zehn.

Die Reaktionen waren durchweg positiv und bestätigten mein Gefühl.

Natürlich, klar, logisch, das Risiko besteht, dass jemand die 1,50 € auch einfach schamlos einsackt und weder „Helden“ noch einen meiner anderen Romane kauft – auch letztere Möglichkeit besteht ja. Es könnte durchaus sein, dass jemand denkt, hah, davon gönne ich mir einfach einen Kaffee in Barcelona.

Na und? Dann verbindet derjenige immerhin mit meiner Person einen Café Cortado in einer der schönsten Städte Europas! Sollte dem so sein, kann ich auch damit leben. Gut sogar.

Von nun an werde ich stets dieses eBook bei meinen Creative Writing Kursen als Handout ausgeben.

 

Kindle für Autoren

Bei meinem jüngsten Roman hat mich der Kindle Keyboard begleitet, den ich mir vor vier Monaten zugelegt habe. Dies ist mein Erfahrungsbericht mit einem E-Reader als Autorenwerkzeug.

Bevor ich anfange zu schreiben, recherchiere ich Bücher zum Thema. Ich lese sie, streiche wichtige Stellen an, markiere sie mit Zettelchen und stapele sie zu einem Turm von etwa 30 Büchern. Das ist eine Menge Holz – im wahrsten Sinne des Wortes. Von diesen Büchern kristallisieren sich lediglich zwei oder drei Bücher als besonders wichtig heraus; in den anderen Büchern sind es meist nur einige wenige Stellen, die relevant sind.

Die gleiche Arbeit auf dem Kindle sieht so aus:
Schon die Auswahl und die Recherche nach den Büchern zum Thema gestaltet sich weitaus angenehmer, denn in einigen Minuten kann man sich zahlreiche kostenlose Leseproben auf den Kindle laden, diese anlesen und entscheiden, ob sich das Werk zur Recherche lohnt. In kürzester Zeit hat man alle 30 Bücher auf dem Gerät.
Während man liest, kann man die entsprechenden Stellen markieren. Diese landen unter den sogenannten Clippings, welche man auf seinen PC exportieren und ausdrucken kann. Dann hat man 30 Bücher auf wenige DIN A4 Seiten komprimiert.

So, beziehungsweise auf dem Lesegerät selber, können die Rechercheunterlagen auch auf Lesereise mitgenommen werden. Es ist leichter mit einem Kindle anstatt einem Dutzend Bücher im Rucksack von Zug zu Zug zu hetzen. Ich bin als Autor mit meinen Geschichten mobiler.
Zudem kann man jederzeit einfach Schlagworte in den Texten suchen, in Romanen wie Sachbüchern, die manchmal ein unzureichendes Schlagwortverzeichnis haben.
Zur Recherchezwecken können auch Hörbücher und andere Audiodateien auf dem Kindle transportiert werden.

Auch recherchiere ich natürlich im Internet zum Thema. Dies tue ich nun komplett über den Kindle mit seinem Augen schonenden eInk Bildschirm. Er hat einen experimentellen Browser, den ich über WLAN nutze und der für meine Zwecke ausreicht. Ich lese Blogs zum Thema aber auch regelmäßig über Literatur oder das Verlagswesen. Diese Blogs kann ich durch die Funktion Article Mode lesen, als hätte ich sie als eBook auf dem Kindle. Sehr angenehm! Seitdem lese ich mehr Artikel im Internet als je zuvor, weil ich in keine Lampe mehr gucken muss. Ich bin als Autor besser informiert.

Bei den Hauptkorrekturen spielt der E-Reader keine Rolle, da er keine Umlaute besitzt und eine Synchronisierung am PC ausgeschlossen ist.
Dafür trumpft er bei der Abschlusskorrektur auf. Dazu habe ich mein Dokument als doc an meine Kindle Email Adresse geschickt. Dort wird sie automatisch für den Kindle formatiert, und nach zwei Minuten hatte ich meinen Roman als Ebook auf dem Reader. Absolut lesefreundlich, und weil er aussieht wie jeder andere Ebookroman lese ich ihn vielleicht sogar kritischer, auf jeden Fall aber mit frischen Augen (für jede Korrekturfassung verändere ich das Seitenlayout aus diesem Grunde).
So spare ich mir nicht nur einen Ausdruck, sondern bin auch dank des Gewichts und der Ausmaße des Kindles wieder mobiler. Ich weiß das wirklich sehr auf Lesereisen zu schätzen.

Bei der Abschlusskorrektur gibt es nur wenige Anmerkungen, die ich im Ebook markiere und gegebenenfalls per Keyboard mit Notizen versehe. Den Kindle neben dem Laptop liegend wie ein ausgedrucktes Manuskript, gehe ich die Anmerkungen durch und korrigiere sie im Text.

Fazit:
Richtig, es wurden schon großartige Bücher von AutorInnen geschrieben, denen kein Kindle zur Verfügung stand. Für mich stellt der E-Reader einfach eine Erleichterung meiner Arbeit dar. Er spart mir Zeit und ist für mich gesünder, wenn ich an meine Augen und das Lesen am PC denke.
Ich will ihn nicht mehr missen, und ich wäre der erste, der für einen vernünftigen Preis einen eInk Laptop kaufen würde.

 

Virtuelle Straßenkunst

Auf diesen Begriff bin ich gekommen, nachdem ich überlegt hatte, was das Selbstveröffentlichen zu einem günstigen Preis im Internet eigentlich ist.

Virtuelle Straßenkunst, das ist das, was in meinen Augen günstige Downloads von Ebook-Romanen oder MP3-Alben sind.

Den englischen Begriff Virtual Busking hat schon die Band Radiohead (Artikel New York Times) verwendet, als sie vor einigen Jahren ihre Musik zum Preis einer Spende über das Internet angeboten hatten.

Ein Ebook oder ein MP3 ist nicht mit einem Buch oder einer CD (oder gar Schallplatte) zu vergleichen. Also niedrigerer Preis. Und da hat man die Wahl zwischen günstig oder kostenlos plus Spende.

Ich hatte mich gegen kostenlos plus Spende entschieden, weil sich eigentlich niemand dabei so richtig gut fühlen kann. Ich bleibe bei dem Beispiel Ebook: Okay, ich finde einen Roman gut, jetzt frage ich mich, was soll ich geben?

Aus meiner Erfahrung heraus glaube ich nicht, dass ein Leser auch nur annähernd jedes Mal den finanziellen Hoffnungen jedes Autors entsprechen kann. Es steckt einfach zu unterschiedlich viel Arbeit in dem jeweiligen Roman, die wiederum von beiden Seiten unterschiedlich bewertet wird.

Deswegen habe ich mich bei meinen Romanen und dem Sachbuch als Ebooks für 1,50 € und bei meinem Hobby für 1,- Kanadischen Dollar je Album entschieden – wobei bei Letzterem die Möglichkeit einer Spende on top gegeben ist.

Die Beträge tun finanziell nicht weh und lassen den Leser oder den Hörer mit dem Gefühl zurück, den verlangten Preis gezahlt zu haben, im besten Falle, ein Schnäppchen gemacht zu haben, vorher reinlesen oder reinhören kann man ja wie bei der echten Straßenkunst zugenüge.

Das kommt dabei raus, wenn ein ehemaliger registrierter Straßenmusiker in Kanada seine unveröffentlichten Werke selbst anbietet.

 

Hybridautor über Nacht!

Du kennst das, plötzlich wachst du auf, und deine Berufsbezeichnung hat sich geändert.

Ich meine, ohne dass du dafür am vorigen Tag etwas getan hast, dass du heute bereust …

Bis letzte Woche durfte ich mich noch klar und deutlich als Autor bezeichnen, ohne Ergänzung, denn ich bin bei Rowohlt verlegt.

Dann passierte es, Dienstagmorgen, 6.34 Uhr (ja, ich bin Frühaufsteher), die Fleischwurst schimmerte silbern auf der Schwarzbrotscheibe, da lese ich im Internet einen Artikel, nachdem Autoren, die sowohl von einem etablierten Verlag veröffentlicht werden, als auch selber ihre unverlegten Romane im Netz publizieren, Hybridautoren genannt werden.

Nun hört sich Hybridautor zumindest nicht altbacken an, das auf keinen Fall, aber meine erste Assoziation ist ein Opel.

Das ist per se nichts schlimmes, wir haben gar kein Auto, und ein Opel wird es wohl auch nicht mehr werden, doch Hybridautor und Hybridauto liegen sprachtechnisch schon recht eng beisammen.

Muss ich mich nun so nennen: Hybridautor?

Oder darf ich?

Wenn ich mich weiterhin nur Autor nenne, verheimliche ich dann etwas?

Und kann man mir das dann zum Vorwurf machen?

Apropos Wurst. Fleischwurst und Schwarzbrot, halb Fleisch, halb vegetarisch, eigentlich eine Hybridstulle.

Vielleicht bin ich auch einfach so, als Typ, hybrid: Whiskey mit Wasser, Fischburger mit Käse, kurze Hose und Gummistiefel.

Oder ist es der Zeitgeist, der hybrid ist? Gebündelt, gekreuzt, gemischt, ist die Bedeutung, wenn man mal im Lexikon nachschaut. Und, wie treffend, es stammt von einem lateinischen Fremdwort griechischen Ursprung ab – quasi hybrid in sich selber.

Mir brummt der Kopf.

Vom Autor zum Hybridautor.

Bin ich nun befördert worden, oder handelt es sich um eine Kompetenzverlagerung mit negativem Beiklang?

 

Crowdfunding für Bücher

Crowdfunding ist die logische Weiterentwicklung von Print-On-Demand. Bei Letzterem druckt man bekannterweise erst, wenn bestellt wird, bei Crowdfunding schreibt man erst gar nicht, bevor es bezahlt ist!

Quasi wie ein Vorschuss für einen bekannten Bestsellerautor. Nur kommt der nicht von einem Verlag, sondern von der Crowd, der Menge im Netz, die einem das Projekt vorfinanziert. Eine zugegebenermaßen leckere Idee. Aber noch halte ich mich zurück.

Anders sieht es aus bei Alex de Campi, einem Graphic Novel Autor. Mit seinem Illustrator Jimmy Braxton bietet er über die Platform Kickstarter an, ihr nächstes Projekt vorzufinanzieren. Für schlappe 27.000 $.

Das kann aber muss niemand alleine berappen, zur Beteiligung gibt es ein ausgeklügeltes Geschäftsmodell:

– für 30 $ bekommt man ein Hardcover

– für 1.200 $ bekommt man eine Nebenrolle in der Graphic Novel

– für 2.500 $ bekommt man die europäischen Rechte

– für 5.000 $ die nordamerikanischen Rechte

usw.

Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt, es ist für fast jeden Geldbeutel etwas dabei. Wobei man dazu sagen muss, dass der Autor kein Unbekannter ist. Und dass er etwas richtig macht steht außer Frage, denn zum Zeitpunkt dieses Artikels hat er bereits 25 % vorfinanziert.

Wer das verfolgen möchte, kann das hier tun, bei Kickstarter.

 

 

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